"Die Presse" Leitartikel: "Das Spießertum ist unsere Rettung" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 7.4.2008

Wien (OTS) - Überforderte Eltern, überforderte Schulen, überforderte Gesellschaft: Schuld sind natürlich die 68er.

Websites zum Thema Erziehung gehören zu den großen Wachstumsmedien der digitalen Welt. Junge Mütter, die über wenig Zeit, aber ein hohes Kommunikations- und Austauschbedürfnis verfügen, sind zur begehrten Zielgruppe geworden. Nicht trotz, sondern wegen der Probleme und Überforderungstendenzen, die ihre Lebenssituation mit sich bringt. "Lebenshilfe"-Themen aus den Bereichen Erziehung und Familie sind längst nicht mehr eine Domäne der Massenzeitungen. Ob man sich die "Zeit" ansieht oder den "Spiegel": Erziehung und Familie sind von den Beilagen auf die Titelseiten gewandert. Auch im Premium-Segment der Medienlandschaft hat sich also die Überzeugung durchgesetzt, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit unserer Tage und die Zukunftsfähigkeit dieser Gesellschaft von einer Fragestellung dominiert werden: Wie es gelingen kann, innerhalb der stetig steigenden Anforderungen, die das wirtschaftliche und berufliche Umfeld an die Einzelnen stellt, tragfähige Beziehungen zwischen den Generationen zu etablieren. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, zeigen die Studienergebnisse, die wir auf der Titelseite dieser "Presse"-Ausgabe erstmals publizieren. Menschen, die sich heute für Kinder entscheiden und ihre individuellen Ansprüche an Beruf und Karriere nicht radikal zurückstellen wollen oder können, begeben sich sehenden Auges in strukturelle Überforderungszusammenhänge. Dass der Grad an Überforderung mit dem Grad an Bildung steigt, ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch: Mit dem Bildungsgrad steigen die Erwartungen. Die Enttäuschung höherer Erwartungen bedeutet ein höheres Maß an Überforderung.

Die häufigste - auch nachvollziehbare - Reaktion auf Überforderungen besteht in der Delegation des Problems (darum fühlen sich auch Männer weniger überfordert als Frauen: Sie haben schon delegiert). Über diesen Weg werden individuelle Probleme von Müttern und Vätern mit ihren Kindern zum gesellschaftlichen Großthema: Erziehungsaufgaben werden an die Schule delegiert, können dort aber nicht wirklich geleistet werden.
Das ist wohl der Kern der Probleme, die unserem Schulsystem bei unterschiedlichsten Gelegenheiten immer wieder attestiert werden. Die logische Reaktion der Schulen und Lehrer auf die an sie delegierten Erziehungsaufgaben ist, dass sie im Gegenzug einen Teil ihrer Aufgaben an die Familien retournieren. Das führt zu Nachhilfe-Exzessen und einem weiteren Anstieg der elterlichen Überforderung. Und so weiter und so fort. Die Studienergebnisse legen nahe, dass die Überforderungsspirale, die da in Gang gekommen ist, auch dazu führt, dass immer mehr Eltern körperliche Gewalt als Mittel der Erziehung akzeptieren oder sogar anwenden.
Was gelegentlich als neues Spießertum denunziert wird, nämlich das intensive Bemühen um die Aufrechterhaltung stabiler Familienstrukturen, erweist sich immer stärker als überlebensnotwendiger Anker einer merklich ins Schwimmen geratenen Gesellschaft. Es war bei weitem nicht der einzige, aber einer der folgenschwersten Irrtümer der "Befreier" von 1968, dass die Zerschlagung der klassischen Familienstrukturen der Gesellschaft zu einem Mehr an individueller Freiheit verhelfen würde.

Heute zeigt sich auf zum Teil erschreckende Weise, dass dort, wo Freiheit ohne die dazugehörige Verantwortung propagiert wird, Willkür und Ignoranz die Folge sind. Die Bandbreite der Beispiele reicht von jugendlicher Gewalt bis zu politischem Desinteresse.
Dass es so weit kam, hat viel damit zu tun, dass es dem 68er-Zeitgeist gelungen ist, das Prinzip "law and order", das die Grundlage jedes liberalen Gesellschaftssystems ist, als reaktionäres Muster zu denunzieren. Heute wissen wir, dass die tatsächlichen Reaktionäre seit Jahrzehnten im "liberalen" Gewand der 68er ihr Unwesen treiben: Ihre Versuche, die eigene Moral über Recht und Ordnung zu stellen, unterscheiden sich strukturell nicht von jenen der rechten und linken Diktaturen des 20. Jahrhunderts.
Die Kinder jener, die 1968 auf der Seite des "Systems" standen, haben es nicht viel leichter. Ihre Eltern hatten "law and order" vorsätzlich missverstanden und aus dem stabilen Rahmen für die Entfaltung freier Menschen einen Käfig für die systemgerechte Haltung funktionierender Nachkommen gezimmert.
Das macht vielleicht den Kern der Überforderung heutiger Eltern aus:
Sie müssen ganz von vorn beginnen.

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