DER STANDARD-Kommentar "Der Geist des Aufbruchs" von Alexandra Föderl-Schmid

"Gemessen an ihrer Wortwahl, sind die 68er gescheitert, aber sie haben viel bewegt" - Ausgabe 5./6.4.2008

Wien (OTS) - 1968 ist zu einem Mythos geworden. Die Tatsache, dass diese Aufbruchbewegung europäische Metropolen von Paris bis Berlin erfasste, sogar nach Graz vordrang und in San Francisco und Mexiko-Stadt ebenso für Auseinandersetzungen sorgte, zeigt die historische Dimension und das Ausmaß. Dies gilt für den Westen wie für den Osten: In der Tschechoslowakei wurde jedoch die Aufbruchbewegung des Prager Frühlings von Panzern des Warschauer Pakts niedergewalzt.

Das Jahr ’68 kann als Beginn der Globalisierungsbewegung gesehen werden, es war eine politische und kulturelle Zeitenwende: Nicht alles ist gelungen, nicht jeder gescheitert - die Welt danach war aber eine andere.

Die von den Universitäten ausgehenden Reformforderungen wurden zu einem Innovationsschub für alle Bereiche der Gesellschaft: von der Reform des Bildungssystems bis zu neuen Formen politischer Partizipation, der Emanzipation der Frauen und dem Siegeszug der Popkultur.

Die Welt wurde erstmals zu einem globalen Dorf: Auch wenn die damaligen Bewegungen jeweils vom nationalen Kontext geprägt waren, so kristallisierte sich so etwas wie eine globale Öffentlichkeit heraus:
Der Vietnamkrieg, die US-Bürgerrechtsbewegung, die chinesische Kulturrevolution, der Kampf gegen den Hunger in Afrika und Lateinamerika - das ging plötzlich alle etwas an. 1968 war der Ausgangspunkt für eine globale politische Öffentlichkeit.

In Europa gab es auch einen Demokratisierungsschub, der nicht nur zur Gründung von Friedens- und Anti-Atom-Bewegungen, sondern mit Zeitverzögerung auch zur Gründung der grünen Partei führte. Die Forderung nach Mitbestimmung erreichte nicht nur Universitäten, sondern auch Unternehmen. Mitarbeiterbeteiligungen von heute haben 1968 ihren Ursprung. Die Vielzahl von selbstverwalteten Projekten und Nichtregierungsorganisationen, die damals entstanden, führten auch zur Herausbildung einer selbstbewussten Zivilgesellschaft.

Die Veränderungen der Lebensstile ist der sicher nachhaltigste, aber auch am wenigsten messbare Effekt. Der Slogan "Das Private ist politisch" machte Sexualität zu einem öffentlichen Thema, aber auch Konsum, die Form des Wohnens und antiautoritäre Erziehung. Der Grundstein für eigentlich Selbstverständliches, das noch immer erstritten werden muss, etwa gleiche Bezahlung von Frauen und Männern für gleiche Arbeit, ist damals gelegt worden. Aber auch zu dem, was heute die Zurschaustellung des Privatlebens von Politikern ist.

Dass die Mittel zur Erreichung der Ziele nicht immer hehre waren, ist ein Faktum. Dabei muss man nicht so weit gehen wie der Historiker Götz Aly, der in seinem Buch "Unser Kampf 1968" die Protagonisten der 68er-Bewegung in die Tradition des Dritten Reiches rückt. Aber Größenwahn, Überheblichkeit und der Einsatz von Gewalt bewirkten eine Abkehr von ursprünglich libertären und emanzipatorischen Zielen.

Dass dann einige der Akteure von damals den Marsch durch die Institutionen antraten und im Journalismus, im Literaturbetrieb oder in höchsten Politfunktionen landeten wie Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, andere in Richtung Rote Armee Fraktion (RAF) abdrifteten, zeigt die verschiedenen Entwicklungsmuster.

Gemessen an ihrer Wortwahl sind die 68er gescheitert, auch wenn dies viele der Veteranen (noch) nicht so wahrhaben wollen. Betrachtet man aber die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, die damals angestoßen worden sind, waren sie durchaus erfolgreich, und nachfolgende Generationen haben davon profitiert.

Die Entdeckung der politischen Öffentlichkeit, Veränderungen der Gesellschaft von innen heraus, soziales Engagement über Landesgrenzen hinaus, das Insistieren auf Selbstbestimmung - das ist es, was von ’68 bleibt. Und die Erinnerung an den Geist des Aufbruchs, der heute wieder notwendig wäre, um verkrustete Strukturen aufzubrechen.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001