"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Maestro der Millionen: Karajans singuläre Karriere" (Von Ernst Naredi-Rainer)

Ausgabe vom 01.04.2008

Graz (OTS) - Die Musikwelt feiert am Samstag den 100. Geburtstag
von Herbert von Karajan - und wir feiern mit. In einer fünfteiligen Serie wollen wir ab heute nicht nur das glamouröse Leben und die singuläre Karriere des österreichischen Dirigenten beleuchten, sondern auch versuchen, die Geheimnisse seines Erfolgs zu ergründen. Außer Frage steht, dass der nur 1,63 Meter große Künstler in seiner Glanzzeit mehr Macht in seinen Händen vereinigte, als je einer seiner Kollegen vor, neben oder nach ihm. Nicht bestreiten lässt sich auch, dass der Pultvirtuose mit über 1000 Schallplatten mehr Tonträger aufgenommen hat als jeder andere Klassikkünstler, und dass er mit rund 200 Millionen verkauften Platten und CDs unangefochten den Branchenrekord hält.

Sein weltweiter Erfolg basiert auf mehreren Faktoren. In erster Linie natürlich auf seiner außerordentlichen Begabung als Dirigent, seiner Kunst, seine Intentionen geradezu suggestiv auf seine Musiker zu übertragen. Dass er dies in höchst ungewöhnlicher Art tat, trug sicherlich auch beträchtlich zu seinem Nimbus bei. Karajan dirigierte fast immer auswendig, aber das hatte vor ihm auch schon Arturo Toscanini getan, der die Partituren auf dem Pult wegen seiner schlechten Augen nicht lesen konnte. Karajan aber sorgte für einen zusätzlichen Kitzel: Im Konzert hielt er fast immer die Augen geschlossen, um sich ganz auf seine innere Vorstellung konzentrieren zu können - und hielt doch immer die Zügel in der Hand.

Mit seinen Interpretationsidealen traf der "Dirigent des Wirtschaftswunders" (Theodor W. Adorno) zweifellos den Nerv der Zeit:
Er bevorzugte einen schlanken, homogenen Orchesterklang, dessen glatt polierte Oberfläche es seinen Zuhörern erlaubte, in Schönheit zu schwelgen, ohne in seelische Abgründe blicken zu müssen.

Als Technikfreak stand Karajan bei allen Neuerungen stets an vorderster Front. Er hatte 1938 mit der Schellackplatte begonnen, hielt sein Repertoire auf Langspielplatten fest, erneuerte es in Stereo, machte die erste Quadro-Aufnahme, förderte die Einführung der Compact Disc und widmete seine letzten Jahre dem Verewigen seiner Interpretationen auf Film und Video.

Dass er schnelle Autos, Flugzeuge und Yachten liebte, zu den bestangezogenen Männern gezählt wurde, Wohnsitze in Saint Tropez, St. Moritz und Anif unterhielt, sich aber konsequent dem verweigerte, was wir heute Seitenblickegesellschaft nennen, erhöhte noch das Interesse an seiner Person und seinem Wirken, das er geschickt in Millionen umzumünzen vermochte.****

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