"Die Presse" Leitarikel: "Wider die große Erziehungsanstalt" (von Michael Prüller)

Ausgabe vom 1.4.2008

Wien (OTS) - Rauchen ist besonders dumm. Aber es sollte nicht Staatsaufgabe sein, mit Zwang gegen Dummheit vorzugehen.
In seinem 130 Jahre alten Roman "Die 500 Millionen der Begum" schildert Jules Verne die utopische Stadt France-Ville, der deutlich die Sympathie des Autors gehört. Sie ist gänzlich nach den (damaligen) Erfordernissen von Hygiene und Zweckmäßigkeit angelegt:
Sämtliche Straßen sind gleich breit und in exakt denselben Abständen bzw. im rechten Winkel zueinander angelegt. Jedes Haus -ausschließlich zweistöckige Einfamilienhäuser - hat zehn Meter von der Straße entfernt zu liegen. Die Baumaterialien sind streng vorgeschrieben, genauso wie die Stoffe, aus denen Vorhänge - die beinahe gänzlich verboten worden wären - bzw. das Hartholz, aus dem die Fußböden bestehen dürfen. Küchen müssen ausnahmslos im oberen Stockwerk liegen, Schlafzimmer haben strikt dem Schlafen zu dienen und dürfen nur ein eisernes Bett mit Leinenmatratze und vier Sessel beinhalten. Kinder werden mit vier Jahren zwecks Gesundheitsgymnastik zusammengefasst und erlernen höchste Sauberkeit, "sodass sie jeden Fleck auf ihrer einfach gehaltenen Kleidung als einen wirklichen Schandfleck ansehen".
Das Rauchen ist in diesem wunderbaren Großraumsanatorium interessanterweise kein Thema. Aber wohl auch nur deswegen, weil Jules Verne es - anders als die heutige Weltgesundheitsorganisation -nicht als ansteckende Krankheit angesehen hat. Andernfalls wäre der Besitz von Zigaretten in France-Ville wohl mit der sofortigen Ausweisung bestraft worden. Gerade in der nun wieder anschwellenden Diskussion um Rauchverbote in Lokalen ist es eine aufschlussreiche Übung, anderen diese Utopie aus dem Jahr 1879 vorzulegen. Da sieht man nämlich meist sehr klar, was die Menschheit trennt.
Die einen finden France-Ville toll, denn der Mensch ist nun einmal nicht fähig, ganz allein auf seine Gesundheit zu schauen. Die anderen fragen sich, wozu es so erstrebenswert sein soll, in France-Ville neunzig oder gar hundert Jahre alt zu werden, wenn man auf Schritt und Tritt wohlmeinenden Verboten unterworfen wird. Und genau darum geht es im Kern der Raucherdebatte auch.
Da gibt es nämlich nicht nur das vordergründige Anliegen, Personal und Gäste vor dem Passivrauchen zu schützen - etwas, was in einer Zeit, in der es fast keine Nichtraucherlokale gibt, ernst genommen werden muss und auch die ordnende Hand des Staates rechtfertigt. Denn der einzelne Nichtraucher ist ja noch oft sehr einsam und verzagt, wenn er seinem berechtigten Wunsch nach guter Luft Gehör verschaffen soll. Das ändert sich zwar derzeit mit dem wachsenden Trend zu selbstbewusstem Anti-Rauchertum, aber das braucht noch seine Zeit. Solange darf und soll der Staat helfend eingreifen. Helfend, nicht erzieherisch. Und dazu braucht es durchaus nicht ein totales Rauchverbot, sondern bloß ein entsprechend großes Angebot an rauchfreier Gastronomie. Das im Übrigen gerade entsteht - die Ärztekammer berichtet, dass ihr "Gütesiegel" für Nichtraucherlokale reißenden Absatz findet.
Aber hinter dem Verlangen eines totalen Lokal-Rauchverbots steht eine andere Agenda: möglichst vielen Menschen auf diesem Weg das Rauchen überhaupt abzugewöhnen. Das ist ein Ziel (und das schreibt hier ein Nichtraucher), das schon schwer erträglich ist, wenn es Eltern gegenüber Kindern durchsetzen wollen, die das 18. Lebensjahr vollendet haben. Es wird vollends unerträglich, wenn an die Stelle der Eltern Politiker treten. Und wenn es über Aufklärung und Mahnung hinausgeht und staatliche Zwangsmittel einsetzt.

Klar: Es ist viel gescheiter, nicht zu rauchen. Aber das soll doch jeder halten, wie er will. Der erwachsene Österreicher des Jahres 2008 wird ja nicht von einer perfiden Tabaklobby über die Gefährlichkeit des Rauchens in unverschuldeter Unwissenheit gehalten, sondern weiß Bescheid. Er hat - so hart das klingt - das Recht auf seinen Lungenkrebs, wenn ihm denn das Rauchen wichtiger ist als seine Gesundheit. Nur weil ich - und vielleicht auch Sie - die Prioritäten im eigenen Leben anders setze, muss nicht der Staat das auch im Leben der anderen zu erzwingen versuchen. Sonst müsste er auch gegen Bewegungsmangel, Überarbeitung, Extremsport, Tennis über 50, fettes Essen und Putzfimmel vorgehen.
Sollte er eh, sagen Sie vielleicht - aber dann sind Sie wohl ein geistiger Bürger von France-Ville. Und die Auffassung ist Ihnen fremd, dass der Staat nicht dazu da ist, einen freien, erwachsenen Menschen mit Gesetz und Polizeigewalt davon abzubringen, auf eigene Kosten ein Depp zu sein. Denn jeder ist das auf irgendeine Weise.

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