WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Teuerung gerät außer Kontrolle - von Michael Laczynski

Lange anhaltende Inflation bedeutet sinkende Reallöhne

Wien (OTS) - Denjenigen, die zuletzt immer noch darauf gehofft haben, dass die Europäische Zentralbank der schwächelnden Konjunktur in Europa zu Hilfe eilen werde, haben die jüngsten Inflationszahlen ein böses Erwachen beschert. Die Teuerungsrate in der Eurozone ist im März überraschend auf 3,5 Prozent geklettert und befindet sich damit auf dem höchsten Stand seit nahezu 16 Jahren. Eine Senkung der Leitzinsen wird es angesichts dieser Entwicklung bis Jahresende wohl nicht mehr spielen - dabei hatten viele Beobachter darauf gehofft, dass die EZB im Sommer die Zinsschrauben lockert.

Angesichts der großen Verwunderung, die nach der Präsentation der Zahlen in vielen Instituten und Analyseabteilungen ausgebrochen war, muss man sich schon fragen, wann die zuständigen Experten zum letzten Mal einen Supermarkt von innen gesehen haben. Dass die Teuerung außer Kontrolle geraten ist, weiß jeder, der regelmäßig Lebensmittel einkauft. Oder Miete und Stromrechnung zahlt und das Auto betankt. Mittlerweile gibt es auch deutliche Anzeichen dafür, dass sich die Inflation auch auf Kernrate und Erzeugerpreise auswirkt. So sollen deutsche Unternehmen damit begonnen haben, die höheren Preise an die Kunden weiterzugeben - zumindest in jenen Branchen, die nicht in direkter Konkurrenz mit Übersee stehen. Die Teuerung ist also kein kurzfristiges Phänomen, ausgelöst durch gierige Spekulanten, sondern wächst sich zu einer klassischen Lohn-Preis-Spirale aus.

Vor diesem Hintergrund gebührt dem Kontrollgremium der EZB Lob für die Politik der ruhigen Hand. Jean-Claude Trichet, Axel Weber und Co. mögen in ihren Mitteilungen zwar den Charme einer warmen Mineralwasserflasche versprühen, in der Sache handeln sie aber richtig: Sie halten wenig von dem in den USA üblichen Aktionismus, lassen sich nicht aus der Fassung bringen und haben - so wie es in den EZB-Statuten steht - nur die Preisentwicklung im Auge.

Mittelfristig wird dieser Kurs den Euro stärker machen, denn in den USA sind die Probleme noch lange nicht ausgestanden, und die Zinsen dürften dort weiter sinken. Doch das hat auch seine Vorteile: Die Klagen der Exporteure werden zwar lauter, doch im Inland bringt ein starker Euro dank niedrigerer Importpreise etwas Entspannung an der Preisfront.

Allerdings kann auch der beste Notenbankgouverneur keine Wunder vollbringen. Lange anhaltende Inflation bedeutet nun einmal sinkende Reallöhne und niedrigere Lebensstandards - daran werden wir uns in den kommenden Monaten gewöhnen müssen.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0002