Kreisky-Preis: Gusenbauer - "Selbstkritische Auseinandersetzung mit Holocaust muss weitergehen"

Swoboda: Kreisky-Preis für Saul Friedländer mehr als wohlverdient

Wien (SK) - Im "Camineum" der Österreichischen Nationalbibliothek wurde Freitagabend auf
Initiative von Renner-Institut, SPÖ-Bildungsorganisation und SPÖ-Parlamentsfraktion der Sonderpreis zum Bruno-Kreisky-Preis für das literarische und publizistische Gesamtwerk an den renommierten Holocaust-Forscher Saul Friedländer übergeben. Bundeskanzler und Präsident des Renner-Instituts, Alfred Gusenbauer, unterstrich in seiner Laudatio, dass die "selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Holocaust auf europäischer und internationaler Ebene weitergehen muss". Das "beeindruckende Gesamtwerk" von Friedländer sei dabei nicht nur für die Fachwelt, sondern "für die breite Öffentlichkeit ganz besonders wichtig und notwendig". SPÖ-Europaabgeordneter und Vorsitzender der Jury, Hannes Swoboda, betonte in seiner Jurybegründung, dass Friedländers "Arbeit zu den Wurzeln des Antisemitismus besonders beeindruckend" sei. Für die stets gebotene Wachsamkeit gegenüber Antisemitismus und Rassismus "können wir aus Friedländers engagierter und differenzierter Analyse viel lernen", so Swoboda. ****

Der Bundeskanzler setzte sich in seiner Rede mit der lange verschwiegenen Mittäterschaft Österreichs an den nationalsozialistischen Gräueln auseinander: So sei es zuvorderst Alt-Kanzler Franz Vranitzky zu danken, dass er hier eine "politische Kehrwendung proklamierte", indem er der bis dahin oft vertretenen "Opferdoktrin eine klare Absage erteilte". Die SPÖ habe im Jahr 2000 darüber hinaus eine zentrale geschichtspolitische Erklärung abgegeben und sich zu "ihren Fehlern und Versäumnissen, die sie zutiefst bedauert, bekannt". Die jüngsten Äußerungen Otto Habsburgs anlässlich des ÖVP-Gedenkens an den so genannten "Anschluss" zeigten aber, dass die "Opferdoktrin mancherorts entgegen aller historischen Fakten weiter vertreten wird". Umso wichtiger sei es da, einen "klaren und unmissverständlichen Standpunkt zur Shoa und zur Kollaboration mit dem NS-Regime zu finden und zu vertreten" - das publizistische Werk Saul Friedländers sei hierbei unentbehrlich. "Daher freue ich mich außerordentlich, dass wir Ihnen heute den Kreisky-Preis für Ihr Lebenswerk überreichen können", so der Bundeskanzler an die Adresse des 1932 in Prag als Kind deutschsprachiger Juden geborenen Autors Saul Friedländer.

Sowoboda - Friedländer analysiert NS-Verbrechen aus Opferperspektive ohne Fakten zu verzerren

Saul Friedländer, dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden, analysiere die Verbrechen des Dritten Reichs "als Betroffener und aus der Sicht der Opfer". Er lasse sich aber "durch die Opferperspektive nicht die Fakten trüben und verzerren", bekräftigte Swoboda in seiner Jurybegründung. In Friedländers Werk gebe es keine Pauschalverdächtigungen, auch würde keine globale Kollektivschuld zugewiesen. Vielmehr bestehe die Qualität der Werke Friedländers darin, dass er "die Verantwortung im Einzelnen belegt". Friedländer zeichne ein "sehr vielfältiges, gleichwohl nicht attraktives Bild, dass die Gräuel und die dafür Verantwortlichen aufzeigt", so Swoboda, der sich in seiner Rede kritisch mit der Rolle der christlichen Kirchen, "die dem Antisemitismus zumindest nichts Wirksames entgegensetzten", beschäftigte. Swoboda warnte aber auch vor der Kontinuität der "Verknüpfung der Lage auf dem Arbeitsmarkt mit einer rassistischen Haltung", die in "bestimmten Parteien in Österreich wieder beziehungsweise noch immer modern" sei: "Diese ungebrochene Linie aus der dunklen Vergangenheit bis in die Gegenwart sollte uns äußerst skeptisch machen", betonte der SPÖ-Europaabgeordnete.

Der Direktor des Renner-Instituts, Karl Duffek, würdigte Saul Friedländer in seinen Begrüßungsworten als "herausragenden Wissenschafter und sehr liebenswürdigen Menschen", der mit seinem Buch "Das Dritte Reich und die Juden" ein "beispielloses Opus magnum" vorgelegt habe, das "man gelesen haben muss".

Friedländer unterstreicht Notwendigkeit einer integrierten Geschichte des Holocaust

Saul Friedländer unterstrich in seiner Dankesrede die Notwendigkeit einer integrierten Geschichte und Geschichtsschreibung des Holocaust - nur so zeige sich letztlich auch das gesamte Ausmaß der Shoa. Wichtig dabei seien besonders die von Menschen jüdischen Glaubens verfassten Tagebücher und Schriften - ihnen komme der Status "hervorragender Quellen für die Geschichte jüdischen Lebens während der NS-Zeit" zu. Hier lägen "unmittelbare Zeugnisse" vor, die die "Brutalität der Täter", aber auch die Illusionen und Hoffnungen der Menschen jüdischen Glaubens beschreiben. Eine integrierte Geschichte des Holocaust decke immer auch Verbindungen auf, die mittels anderer Methoden kaum enthüllt würden. Gleichzeitig erhöben sich durch einen komparativen Ansatz Fragen, die keine klare Antwort erlaubten. Beispiel hierfür sei die drängende Frage, warum es angesichts des millionenfachen Mords an den Juden kaum öffentlichen Protest gegeben habe - eine Frage, der sich auch die christlichen Kirchen stellen müssten, so Friedländer. Als "stete Quelle der Fassungslosigkeit" wertete Friedländer abschließend den Umstand, dass "keine einzige Person in höherer Position bereit war, Protest einzulegen".

Service: Als Zusammenfassung der wissenschaftlichen Arbeit Saul Friedländers empfiehlt sich die Lektüre des zweibändigen Werks "Das Dritte Reich und die Juden". Die beiden Teile "Die Jahre der Verfolgung 1933-1939" und "Die Jahre der Vernichtung 1939-1945" sind 1998 bzw. 2006 bei dtv bzw. bei C.H. Beck erschienen. (Schluss) mb

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