"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die amerikanische Krankheit macht vor Europa nicht halt" (von Rainer Strunz)

Ausgabe vom 29.03.2008

Graz (OTS) - Die Prognose hat nicht gehalten. Noch im Jänner waren Experten der Meinung, wenn die USA niesen, bekommt Europa noch lange keinen Schnupfen, die auf dem Prinzip Hoffnung basierende Vorhersage hat aber nicht gehalten. Jetzt haben auch die Wirtschaftsforscher eingestehen müssen, dass die von den Vereinigten Staaten ausgehende Finanzkrise den Alten Kontinent zu Boden drückt.

Ausgangspunkt der Malaise ist die US-Hypothekenkrise, die immer wuchtigere Ausmaße annimmt. Die Zahl der Banken, die in Summe bereits mehr als hundert Milliarden Dollar an faulen Krediten haben abschreiben müssen, liest sich wie ein Ranking des Grauens. Das sich für die New Yorker Wall Street abzeichnende Horrorszenario ist die schlimmste Krise der Börse seit dem Zusammenbruch 1987 und hat weitaus größere Auswirkungen als der Terroranschlag vom 11. September 2001.

In Manhattan haben bereits 16.000 Banker ihren Job verloren, bei der Investment-Bank Bear Stearns, die von der US-Notenbank vor dem Bankrott gerettet werden musste, dürfte jeder zweite der 14.000 Arbeitsplätze wegfallen, bei der weltgrößten Bank Citigroup 6000. Der Katzenjammer an der Börse ist groß, das Mitleid mit den Bankern hingegen klein.

Denn nicht nur in den USA macht sich die Meinung breit, dass die Finanzkrise letztlich auf dem Rücken der kleinen Leute ausgetragen wird. Abertausende Amerikaner haben im Sog der Hypothekarkrise ihr Haus verloren, und ihnen wird nicht, wie Bear Stearns, mit einer Milliardensubvention unter die Arme gegriffen.

Den Faden kann man weiter spinnen. Das, was heute auch allen Europäern in Form einer einknickenden Konjunktur auf den Kopf fällt, ist das Resultat eines ungezügelten Kapitalismus, der sich - solange es gut geht (sprich Milliardengewinne einlaufen) - immer gegen staatliche Eingriffe gewehrt hat. Bei Verlusten hingegen wird selbst in den USA nach dem Staat gerufen.

Die Erkenntnis hilft Millionen Konsumenten, die in den nächsten Monaten mit sinkenden Realeinkommen rechnen müssen, nicht weiter. Sie sollte aber Anlass für umfassende Reformen des Finanzwesens sein, das in seiner Unüberschaubarkeit letztlich immer nur eine Opfergruppe kennt.

Wer glaubt, das sei eine Sache der USA, sei an den Fall Meinl erinnert. Beziehungsweise an die kurszerstörende Rückkaufaktion, die tausende österreichische Anleger mit weitaus mehr als nur dem Verlust des Glaubens an eine einst honorige Familie bezahlen müssen. ****

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