"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Kanzler baut auf Faktor Zeit" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 21. März 2008

Innsbruck (OTS) - Nach dem üblichen Gesudere suchen der Kanzler
und sein Vize einen Ausweg aus der Krise. In eigener Sache.

Kanzler Alfred Gusenbauer hat gelernt. Gelernt von Wolfgang Schüssel. Denn sein Vorgänger war es, der immer wieder die Zeit für sich hat nützen können, wenn es eng wurde. Als Schüssel etwa am Beginn der Koalitionsverhandlungen mit den Seinen den Verhandlungstisch verlassen hatte, konnte er darauf bauen, dass der SPÖ der Mut fehlen würde, eine Minderheitsregierung zu riskieren. Als die ÖVP zurückkam, bestimmte sie den Inhalt - in den Verhandlungen und in der Regierung. So weit ist der Kanzler bei Weitem nicht. Aber er hat erstmals die Zeit als Verbündete gewonnen. Er hat Zeit gewonnen, um einen Ausweg aus der Krise zu finden. Und Gusenbauer dürfte Vizekanzler Wilhelm Molterer davon überzeugt haben, dass ein vorzeitiges Scheitern der Koalition nicht nur des Kanzlers Ende bedeuten könnte, sondern auch jenes von Molterer. Beide sind augenblicklich nicht mit hohen Sympathiewerten ausgestattet.

Die gewonnene Zeit soll nun genützt werden, um - gemeinsam - ohne Gesichtsverlust aus der Sackgasse herauszukommen. Ein Kompromiss allein in der Steuerfrage wird da wohl kaum zu schaffen sein. Zu schnell würde klar werden, wer sich mit seinen Forderungen nicht durchsetzen konnte. Also müsste der Kompromiss ein breiter sein -eine Art zweites Regierungsprogramm. Allen Unkenrufen zum Trotz gibt es dafür eine Chance. Allerdings würde die ÖVP ihre günstige Ausgangsposition für rasche Neuwahlen damit aufs Spiel setzen. So dürfte die Kompromisssuche auch zu einem Kräftemessen zwischen Molterer und Schüssel werden.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
Chefredaktion
Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001