DER STANDARD-KOMMENTAR "Absurdistan" von Gudrun Harrer

Warten auf die Entführten - und auf die nächste westlich-islamische Krise - Ausgabe vom 21.3.2008

Wien (OTS) - Lebenszeichen von Osama Bin Laden sind immer höchst unwillkommen. Für ein Land wie Österreich, das zwei seiner Staatsbürger in Händen einer Al-Kaida zuzurechnenden Gruppe weiß, ist es jedoch besonders unangenehm, wenn der Chef des Terrorkonsortiums sich zu Wort meldet und ankündigt, die x-te Beleidigung des islamischen Propheten Muhammad an Europäern rächen zu wollen.
Die Reziprozität ist demnach nicht nur bei den österreichischen katholischen Bischöfen ein Thema: Minarette in Österreich gegen Kirchen in Saudi-Arabien. Irans Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad hat eine zynische Variante dieses Spiels im Jahr 2006 begonnen, als die Krise um die dänischen Zeichnungen, auf die sich Osama Bin Laden in seiner Botschaft bezog, ausbrach: Muhammad-Karikaturen gegen Holocaust-Leugnung, unser absolutes Tabu-Thema gegen eures.
Bei Bin Laden ist nun eine fürchterliche Drohung daraus geworden: das Abwägen der "Freiheit eurer Worte" gegen die "Freiheit unserer Taten", gemeint ist, die "Freiheit, euch umzubringen".
Wenn es um die angebliche oder tatsächliche Beleidigung des Propheten geht, dann gilt aber nicht nur das westliche Leben wenig für Bin Laden und die Seinen: Die Karikaturen seien ein schwerwiegenderes Verbrechen als die Tötung von Frauen und Kindern. Zum Beispiel im Irakkrieg. Aber, ohne vergleichen zu wollen: Eine anständige Portion Zynismus und Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der irakischen Kriegsopfer war auch aus dem Munde des US-Präsidenten zu vernehmen, als er die Menschheit mit seiner Jubelrede zum fünften Jahrestag der Irak-Invasion beglückte.
Ein Geschenk für alle Extremisten, scheint die Rede doch zu beweisen, dass - wenn George Bush so sehr mit dem Resultat der Irak-Intervention zufrieden ist - die USA wirklich andere als die von ihnen angegebenen Ziele im Irak verfolgen. Denn diese haben sie bestimmt nicht erreicht.
Und ein weiteres Extremistengeschenk - und die nächste Krise zwischen Europa und der islamischen Welt - ist bereits in der Pipeline: Der Film des Niederländers Geert Wilders, der den einzigen Zweck hat zu zeigen, was der Islam für eine schlimme Religion ist, läuft zu Monatsende an. Es fehlt jeder Mechanismus, diese aufziehende Krise schon im Vorfeld zu bearbeiten. Wie gebannt wartet man darauf, was und dass etwas passiert.
Bis dahin werden die österreichischen Entführten jedoch hoffentlich wieder zu Hause sein, bei ihnen geht es um Geschäfte. Zu wenig weiß man über den Stand der Dinge, aber im Laufe der vergangenen Tage wurden Schlaglichter auf verschiedene Thematiken geworfen.
Da ist erst einmal Österreichs - systematisch betriebene - Vernetzung mit arabischen und islamischen Ländern und Personen, die dazu geführt hat, dass unter anderem der wahrscheinlich berühmteste Fernsehprediger der Welt, Yussuf Al-Qaradawi, auf El Jazeera für die Österreicher appelliert hat.
Nun kann man die Figur Qaradawi und seine radikalen Ansichten durchaus diskutieren, aber mit dem Softie-Imam von nebenan wird man eben bei den Entführern - denen eher auch Qaradawi noch zu "soft" sein wird - rein gar nichts erreichen. Es kommt darauf an, was man will, und die Antwort ist im Moment sehr einfach: die Geiseln freibekommen.
Dazu muss man sich auch auf Spiele einlassen, die gewisse Länder immer wieder spielen, und mit einem gewissen Erfolg:
Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi ist einer, dem die radikalen Islamisten selbst an die Kehle wollen - er selbst ist ja bereits Attentatsopfer geworden. Die Gaddafi-Stiftung seines rührigen Sohnes, des Haider-Freundes Saif-alislam, pflegt indes beste Beziehungen zu radikalen Islamisten und ist vermittelnd tätig bei den Transaktionen, die ihnen jenes Geld beschaffen, das sie zur Beschaffung jener Waffen brauchen, mit denen sie die herrschenden arabischen Regime stürzen wollen. Auch das libysche. Es ist so absurd, wie es klingt.

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