"Kleine Zeitung" Kommentar: "Bleiben oder gehen? USA haben Wahl zwischen Pest und Cholera" (Von Nina Koren)

Ausgabe vom 20.03.2008

Graz (OTS) - Wenn sich George W. Bush etwas einbildet, dann ist er auch durch die Realität davon nicht abzubringen. Auch nach 4000 gefallenen US-Soldaten und 100.000 toten Irakern, nach ethnischen Säuberungen, Bombenterror, Massakern und Betonmauern zwischen den Volksgruppen in Bagdad gab er bei seiner gestrigen Rede zum fünften Jahrestag der US-Offensive im Irak wieder zu Protokoll: "Der Irak-Krieg ist ein Erfolg. Wir stehen vor einem großen strategischen Sieg."

Das Einzige, was den USA im Irak tatsächlich gelungen ist, war die Beendigung der blutigen Diktatur Saddam Husseins. Das ist ihnen als wichtiger Erfolg anzurechnen. Alles andere ist eine Chronik des Scheiterns. Für die Zeit nach dem Krieg hatten die Amerikaner keinen Plan und wohl auch wenig Ahnung: Bush glaubte, im Irak innerhalb von fünf Monaten die Demokratie einführen zu können. Wirtschaftlich liegt das Land nach dem Krieg auf dem Boden. Terrorgruppen gibt es im Irak heute mehr als je zuvor. Der Iran ist erstarkt. Das Ansehen der USA im arabischen Raum hat stark gelitten - dem Kampf gegen die Terrorgefahr ist das sicher nicht dienlich.

Was Folter und Misshandlung anlangt, leben die Iraker laut dem jüngsten amnesty-Bericht genauso schlecht wie unter Saddam. Und auch global hat der Irak-Krieg seinen Preis: Wirtschaftsnobelpreisträger Stiglitz bezeichnete die Auswirkungen auf die Weltkonjunktur als enorm und verwies auf die Vervierfachung des Ölpreises seit 2003.

Zu Recht betont Bush, dass die Lage in Bagdad seit der letzten Truppenaufstockung ruhiger ist. Für irakische Verhältnisse bedeutet dies aber, dass es noch immer täglich zu Blutvergießen kommt, nur eben weniger. Die politischen Kernfragen - etwa die Verteilung des Geldes aus den Ölvorkommen und das Machtverhältnis zwischen den Regionen - sind völlig ungeklärt. Es gibt zahllose Gruppen, die die Messer wetzen, um diese Fragen nach einem Abzug der Amerikaner auf dem Schlachtfeld zu klären.

Wie es im Irak weitergeht, werden zum Teil die Wähler in den USA entscheiden. Der Republikaner John McCain erklärte, die USA müssten "noch 100 Jahre im Irak bleiben" - was sich weder Iraker noch US-Bürger wünschen. Die demokratischen Bewerber wollen die Truppen bald heimholen - und riskieren damit, dass der Bürgerkrieg erst so richtig losgeht. Bleiben, gehen? Es ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Bush wird sich Ende des Jahres zurückziehen und sein Erbe an den Wahlsieger übergeben: ein Erbe, das man wirklich niemandem wünschen kann.****

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