"Die Presse" Leitartikel: "Das Gesetz der unbeabsichtigten Folgen" (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 19.3.2008

Wien (OTS) - Am Anfang stand die Ignoranz: Im Irak lief so
ziemlich alles anders, als es sich die USA vorgestellt haben.
Zhou Enlai wurde im Jahr 1972 einmal gefragt, welchen Einfluss die Französische Revolution auf den Gang der Weltgeschichte genommen habe. "Es ist noch zu früh, das zu sagen", antwortete Maos Premier. Da erscheint es vergleichsweise voreilig, die Auswirkungen des Irak-Krieges abschließend beurteilen zu wollen. Eines Krieges, dessen Ausgang nach fünf Jahren noch immer ungewiss ist.
Eine Zwischenbilanz aber lässt sich zu jedem Zeitpunkt, also auch jetzt, ziehen. Und ein solches Resümee muss trotz einer leichten Aufhellung der Gesamtentwicklung in den vergangenen Monaten düster ausfallen. Seit dem viel kritisierten "Surge", der Aufstockung der US-Truppen im Vorjahr, ist die Gewalt zwar um 70 bis 90 Prozent, zurückgegangen. Bei mehr als 600 zivilen Opfern pro Monat von einer Normalisierung der Lage zu sprechen wäre aber vermessen. Es gibt nun weniger Anschläge in Bagdad, dafür aber mehr anderswo.
Der US-Armee ist es zwar gelungen, sunnitische Aufständische zu kaufen und gegen die Terroristen der al-Qaida zu mobilisieren. Gleichzeitig halten sich die schiitische Milizen von Moqtada al-Sadr an eine Waffenruhe. Doch niemand kann sagen, wie lange diese fragilen Arrangements halten. Von einer politischen Einigung sind die verfeindeten ethnisch-religiösen Lager weit entfernt. Und die aufkeimende Hoffnung, dass der Irak vielleicht doch noch vor dem Abgrund gerettet werden könnte, zerstöbe in dem Moment, in dem sich die Amerikaner zurückzögen.
Es ist bereits so viel schief gegangen im Irak, dass man sich fragen muss, ob es überhaupt noch geradegebogen werden kann. Der Irak-Krieg könnte dereinst noch als Musterbeispiel für das Gesetz unbeabsichtigter Konsequenzen in die Lehrbücher eingehen. Bushs Regierung wollte im Irak einen Leuchtturm der Demokratie errichten und setzte beinahe die gesamte Region in Brand. Statt des brutalen Schlächters Saddam Hussein haben nun keine aufgeklärten Liberalen das Sagen im Irak, sondern religiöse Fanatiker, die Freiheit mit Sünde gleichsetzen. Eines der vielen Motive für den Irak-Krieg war zweifellos, den Zugang zum Öl zu sichern. Heute ist der Ölpreis vier Mal höher als vor dem 19. März 2003. Davon haben Regime profitiert, die dem Westen zum Teil offen feindlich gesinnt sind. Großer Gewinner des Kriegs ist ein Land, das die USA mit ihren Kriegen in Afghanistan und im Irak eigentlich einkreisen wollten: Der Iran ist heute einflussreicher denn je. Demokratie und Menschenrechte fordern die USA von ihren autoritären Verbündeten im Nahen Osten schon lange nicht mehr ein. Sie sind froh, dass sie überhaupt noch Verbündete in der Region haben. Es gab und gibt ein starkes Argument für den Irak-Krieg: den Sturz Saddam Husseins. Doch der Krieg wurde so katastrophal schlecht geplant und durchgeführt, dass das Konzept der humanitären Intervention nachhaltig beschädigt wurde.
Die Liste der unbeabsichtigten Folgen des Krieges ließe sich fortsetzen, bis hin zur hohen Verschuldung, in der die USA heute stecken.

Wer die Komplexität sozialer Systeme beharrlich ignoriert und sie ändern will, indem er mit dem Hammer draufhaut, kann seine blauen Wunder erleben. Das hat der amerikanische Soziologe Robert K. Merton schon im Jahr 1936 gründlich herausgearbeitet. Er nannte damals fünf Gründe für sein Gesetz der unbeabsichtigten Konsequenzen: 1. Ignoranz; 2. fehlerhafte Analyse; 3. Werte-gesteuertes Handeln; 4. die "selbstzerstörende" Prophezeiung; 5) Kurzsichtigkeit.
Die ersten drei Gründe lassen sich mühelos auf das Irak-Desaster münzen. Die Ignoranz Bushs und seines Verteidigungsministers Rumsfeld waren kaum zu überbieten: Sie entsandten trotz mehrmaliger Warnungen ihrer Militärs zu wenige Truppen, lösten die irakische Armee über Nacht auf, schufen so ein fatales Vakuum und hatten im Grunde keine Ahnung vom Irak.
Die "selbstzerstörende" Prophezeiung besagt, dass die Angst vor erwarteten Konsequenzen Menschen dazu treibt, Lösungen zu finden, bevor überhaupt das Problem auftaucht. Wie das zu Bush passt? Er ließ sich Angst vor irakischen Massenvernichtungswaffen einjagen, die es nie gab.
Dass die US-Regierung den Irak-Krieg aus einer kurzfristigen Perspektive betrachtete, kann man ihr jedoch nicht vorwerfen. Im Gegenteil: Männern wie Vize-Pentagonchef Wolfowitz schwebte ja vor, den ganzen Nahen Osten von Irak aus umzugestalten. Ein eher langfristiges Projekt, das nicht so läuft, wie man sich das vorstellte. Aber wie sagte Zhou Enlai? Vielleicht ist es noch zu früh, das zu sagen.

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