Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Moral hazard

Wien (OTS) - Die Österreicher sind es müde, dass schon wieder eine Schicksalsstunde für die große Koalition schlagen soll. Sie spüren zunehmend, dass sich in der Weltwirtschaft weit Gefährlicheres zusammenbraut als Preiserhöhungen bei Butter und Benzin.

Der Dauerstreit zwischen SPÖ und ÖVP ist logische Folge der Rivalität zweier Alpha-Tiere, die sich naturgemäß nicht vertragen können, solange nicht die Machtfrage in eindeutiger Weise geklärt ist. Im Grunde stehen nur zwei Wege offen: der demokratische, nämlich der eines Mehrheitswahlrechts, oder der brutal-ineffiziente, bei dem die Alpha-Tiere immer wieder zur gegenseitigen Zerfleischung in den Ring geschickt werden. Und bei dem das Land führungslos wird - was wieder grüne, blaue oder orange Statisten aufwertet, die von der Galerie aus Pfui rufen, aber nicht daran denken, selbst in die Arena zu steigen (was sie sich großteils ja nicht einmal selbst zutrauen).

Wäre die Machtfrage geklärt, gäbe es gewaltige Fragen zu lösen. Dabei geht es aktuell etwa um den sogenannten "Moral hazard", also darum, ob die Allgemeinheit Menschen beistehen soll, die sich aus Eigeninteresse in Gefahr gebracht haben - also zum Zweck der Gewinn-oder Lustmaximierung.

Warum soll die Nation Abenteurer freikaufen, die sich ihren Adrenalin-Kick bei gefährlichen Afrikatouren oder Extremsportarten holen? Warum werden Hochwasser-, Lawinen- oder Autobahn-Geschädigte vom Steuerzahler entschädigt, die zuvor von billigen Baugründen oder dem Verzicht auf Versicherungsprämien profitieren wollten? Warum soll man Banken retten, die zuvor aus Gier oder Dummheit in riskante Papiere investiert haben? Warum ist mein Geld pfutsch, wenn ich es einem Einzelmenschen borge, sobald dieser pleite geht - warum müssen mich aber alle anderen Sparer auffangen, wenn ich bei Großbanken spare?

Gewiss, manche Banken sind so groß, dass ihr Untergang einen Tsunami auslösen kann, die folglich gerettet werden müssen. Es wäre daher gerecht, wenn diese Großbanken schon vorher gezwungen wären, in einem höheren Ausmaß die Einlagen zu sichern als kasinoähnlichere Kleininstitute.

Mit anderen Worten: Einer handlungsfähigen Regierung wären viele schwere Fragen gestellt. Derzeit aber werden nur Ultimaten gestellt.

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