WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Wenn der Schlachtenlärm verstummt - von Michael Laczynski

Die Folgen der Krise werden uns noch lange beschäftigen

Wien (OTS) - "Things fall apart, the centre cannot hold." Als der irische Dichter William Butler Yeats diese Zeilen vor mehr als 80 Jahren schrieb, hatte er etwas anderes im Sinn als die Wirtschaft. Doch seine Worte passen gut zu der heute an den Finanzmärkten vorherrschenden Stimmung. Dort überschlagen sich die Ereignisse, und die Zweifel an der gestalterischen Kraft aller Kontrollinstanzen mehren sich.

Es ist schwer, inmitten des Schlachtgetümmels kühlen Kopf zu bewahren. Daher verwundert es nicht, dass Experten wie aufgescheuchte Hühner hin und her rennen und eine dramatische Prognose die nächste jagt: Während die einen glauben, dass die Banken ihre Bilanzen bis Mitte des Jahres bereinigt haben werden, gehen andere von einem Zeitraum bis Anfang 2009 aus. Ähnliche Verwirrung herrscht bezüglich der Summe der Abschreibungen - sind’s 400, 600 Milliarden Dollar oder gar eine Billion? - und der Auswirkungen des Schlamassels auf die Realwirtschaft. Seriöse Schätzungen über Länge und Ausmaß der Krise sind dieser Tage ein Ding der Unmöglichkeit, doch eines ist gewiss:
Wenn sich der Pulverdampf verzogen hat, werden wir eine wirtschaftliche Landschaft erblicken, die sich - zumindest in den folgenden Punkten - von der alten Ordnung unterscheiden wird.

Erstens: Banken werden an Sexappeal einbüßen. Die Ära der exotischen Finanzinstrumente, die die jüngste Krise überhaupt erst ermöglicht haben, ist vorbei - und damit auch die astronomischen Gehälter der risikofreudigen und verantwortungslosen Jungbanker. Seriösität ist wieder angesagt, Ärmelschoner und mausgraues Flanell feiern ein Comeback.

Zweitens: Der Turbokapitalismus wird den Frontalzusammenstoß mit der Wirklichkeit nicht ohne Schaden überstehen. Während vor einigen Jahren neoliberale Aktivisten wie Grover Norquist den Staat am liebsten in der Badewanne ertränken wollten, fordert heute Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann "mutige Schritte" der Regierungen. Papa Staat soll’s also wieder richten.

Drittens: Die USA werden auf absehbare Zeit kleinere Brötchen backen müssen. Wenn in einem Land der Privatkonsum für knapp 70 Prozent der Wirtschaftsleistung verantwortlich ist, gleichzeitig aber die Gehälter seit Jahren stagnieren, die Sparquote negativ ist, die Arbeitslosigkeit steigt und alle Kreditmöglichkeiten erschöpft sind, dann braucht man kein Genie zu sein, um zu erkennen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Was folgt, wird auch uns in Europa noch lange beschäftigen.

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