"Kleine Zeitung" Kommentar: "Heiter vor dem Abgrund"(Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 16.3.2008

Graz (OTS) - Es gebe keine Verhandlungen mit Terroristen, sagte
der Kanzler in Brüssel. Er sagte es mehrsprachig. Endlich durfte er entschlossen sein und klar. Endlich durfte er führen, die erste Stimme sein. Gusenbauers Haltung ist vernünftig und richtig, weil jeder Hauch von Konzilianz für diese oder andere Geiselnehmer ein Signal der Ermutigung wäre, es von neuem zu tun. Unbeugsamkeit schützt potentielle künftige Opfer, sie haben Vorrang vor den konkreten, gegenwärtigen, für deren Heil der Staat nur im Vorborgenen die Möglichkeiten ausloten kann, die sauberen wie die unsauberen.

Das ist die Logik der Staatsräson, die mit den Gefühlen und der Anteilnahme am Schicksal der beiden Salzburger kontrastiert. Alfred Gusenbauer weiß das Recht und die Vernunft auf seiner Seite, aber es sind kühle Werte im Gegensatz zur Emotion. Das Geiseldrama wird den Kanzler nicht aus der Popularitätskrise führen.

Sie ist existentiell, weil Gusenbauer in einen klassischen Zweifronten-Konflikt geraten ist, der ihm souveränes Handeln unmöglich macht, so er es jemals vorhatte. Es ist ein Konflikt nach innen und nach außen. Die Bruchlinien führen durch sein Regierungskabinett und sie führen durch die eigene Partei. Weder da noch dort vermag der Kanzler einigend und konzentrisch zu wirken, und es lässt sich nicht sagen, ob er nicht will oder nicht kann.

Von Wolfgang Schüssel wird heute noch das Bild des Hirtenhundes bemüht, der unentwegt um die Herde kreist, um sie beisammen zu halten. Der rotschwarze Hirtenhund kreist nicht um die Herde, sie ist ihm entwichen, aber der Hund ist noch da, er kreist allein um sich selbst, und bellt gar nicht. So ist das Bild, und Gusenbauer tut wenig, um es zurechtzurücken. Er scheint herdenlos glücklich. Vergeblich sucht man Spuren im Gesicht, die das Ungemach spiegeln oder wenigstens andeuten. Nichts. Er steht völlig unbeschwert am Abgrund. Vielleicht, weil er ihn gut kennt.

Gusenbauers Problem ist (außer, dass er das Leben zu gern hat), dass seine beiden Ämter Gegensätzliches von ihm verlangen. Als Kanzler muss er zusammenführen und endlich einen gemeinsamen Gestaltungswillen, also Politik, ermöglichen. Als Obmann einer frustrierten, in ihren Hoffnungen enttäuschten Partei hingegen müsste sich Gusenbauer an die Spitze des Suderns stellen und auf den Putz hauen - sonst überlebt er den Parteitag im Herbst nicht. Das klingt nach No way out.

Er, der für die SPÖ nach sieben Jahren Dürre das Kanzleramt zurück eroberte, läuft Gefahr, es zu verspielen. Es wäre eine bittere Lebenspointe, die Alfred Gusenbauer ausgerechnet mit dem schwarzen Hirtenhund dann teilen müsste.

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