• 14.03.2008, 18:30:14
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Der Standard - Kommentar: "Taktik oder Überschätzung" von Gudrun Harrer

Die Frage nach der Erpressbarkeit Österreichs stellt sich aktuell nicht - Ausgabe vom 15./16. März

Wien (OTS) - Alle Beschreibungen und Einschätzungen von Gruppen
wie jener, die in Nordafrika zwei Österreicher entführt hat, sind nur
Momentaufnahmen: Wenn sie präsentiert werden, können sie bereits
überholt sein. Man kann immer nur beschreiben, wie sich eine Gruppe
bisher verhalten hat, wenn sie sichtbar geworden ist.
Für die ehemalige "Salafistengruppe für Predigt und Kampf" (SGPC),
seit 2006 "Al-Kaida im Islamischen Maghreb", hat gegolten, dass sie
Entführungen quasi als Geschäftszweig, zur Geldbeschaffung,
durchführte: Besonders das Großkidnapping von Touristen in der
algerischen Wüste von 2003, von dem auch Österreicher betroffen
waren, war ein gutes Beispiel dafür. Deshalb konnte man jetzt davon
ausgehen, dass die Gruppe neues Geld braucht und gleichzeitig ihren
erweiterten Aktionsradius - nach eigener Aussage in Tunesien -
demonstrieren will.
Die jetzt aufgetauchte politische Forderung nach Freilassung von
militanten Islamisten aus tunesischen und algerischen Gefängnissen,
so beängstigend sie mit dem begleitenden Ultimatum auch ist, muss
nicht unbedingt ein Abgehen davon sein. Im besten Fall wollen die
Entführer den Preis hochtreiben. Denn auch wenn solche Gruppen sich
ihre Welt, von der sie in ihren geschlossenen Systemen meist wenig
wissen, selbst zurechtzimmern: Die Annahme, dass der Staat
Österreich, an den die Maghreb-Kaida Forderung und Ultimatum richtet,
die Freilassung von Häftlingen in Tunesien und Algerien bewirken
könnte, erscheint konstruiert.
Abtun kann man die Gefahr aber deswegen nicht: Wie und warum
strategische oder taktische Entscheidungen getroffen werden, die zur
Tötung von Geiseln führen, ist völlig unkalkulierbar. Da entscheidet
ein "Emir" einer Gruppe, dass das jetzt notwendig und nützlich sei,
und dann passiert das auch.
Für Österreich stellt sich die Frage, ob ein Staat sich von
Entführern erpressen lassen soll, in diesem Sinne gar nicht: Denn das
Geforderte kann es nicht leisten. Nützlicher als starke Sprüche wäre
im Moment jedoch, das Unvermögen, für das man sich nicht genieren
muss, auch nachdrücklich und glaubhaft zu kommunizieren. Für den
Fall, dass die Maghreb-Kaida Österreich wirklich so sehr überschätzt.
Aber auch die Frage, was ein Staat von seinen Prinzipien aufgeben
darf, um eines oder mehrerer seiner Bürger willen, könnte eines Tages
in solchem Zusammenhang an Österreich gestellt werden: Was, wenn die
Entführer versucht hätten, "unsere" zwei soeben verurteilten
Islamisten freizupressen? So wenig wir sie vermissen würden, und so
unwichtig es im Grunde genommen ist, ob diese beiden
Trivialmilitanten nun im Gefängnis sitzen oder nicht.
Bleibt das Thema Lösegeld: Es ist ziemlich genau bekannt - und vor
allem Entführer wissen es - welche Staaten zahlen und welche nicht.
Wobei ein Staat umso eher nicht zahlen wird, desto "politisch
wertvoller" seine Bürger für Entführer sind: Der klassische Fall sind
die USA und Großbritannien im Irak, die glaubhaft versichern, nie
Geiseln zurückzukaufen. In diesem Sinne können es sich andere Länder
eher leisten (damit ist nicht die finanzielle, sondern die politische
Leistbarkeit gemeint), Lösegeld zu zahlen.
Wahr ist aber auch, dass, wenn es um den bloßen Geschäftszweig
Entführungen geht, es dadurch sehr wohl "bessere" Opfer gibt - und
dazu gehören Deutsche und Österreicher. Daraus zu konstruieren, dass
die Entführer in der nordafrikanischen Wüste auf die Jagd nach
deutschsprachigen Touristen gegangen sind, wäre dennoch übertrieben.
Die sind in Tunesien keine rare Spezies. Italiener hätten die
Kidnapper gewiss ebenso gerne genommen, auch Rom zahlt.
Die Forderung, kein Land möge mehr zahlen, wird immer wieder erhoben.
Das klingt logisch. Aber: Wenn von einer Gruppe Entführter einer nach
dem anderen umgebracht würde, dann sähe die öffentliche Meinung
schlagartig anders aus. Das können nur Regierungen durchstehen, die
noch nie gezahlt haben.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

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