DER STANDARD-Kommentar "Noch immer Opfer" von Alexandra Föderl-Schmid

Bei den Gedenkveranstaltungen wurden österreichische Geschichtslügen nicht korrigiert --- (Ausgabe vom 14.3.2008)

Wien (OTS) - Wirklich überraschend sind die Gedenktage zum 70. Jahrestag des Anschlusses nicht über das Land hereingebrochen. Wer aufgrund seiner Funktion zu diesem Anlass etwas sagen musste, hatte genügend Zeit, sich zu überlegen, was der Inhalt sein sollte. Oder wer zu Gedenkveranstaltungen eingeladen werden sollte.
Auch ÖVP-Politikern müssen die Aussagen Otto Habsburgs in einem Presse-Interview bekannt gewesen sein, in dem er die Einschätzung vertrat, Kinder seien "unter Zwang von der Schule auf den Heldenplatz gezerrt" worden und dass er "ein gewisses Verständnis dafür" habe, "dass Leute in diesem Elend zusammengebrochen sind".
Mit der Einladung zur ÖVP-Feierstunde wurde Habsburg die Gelegenheit gegeben, im Parlament seine Meinung zu vertreten, wonach es "keinen Staat in Europa gibt, der mehr Recht hat, sich als Opfer zu bezeichnen". Diese These ist historisch nicht zu halten. Als Habsburg dann auch noch von einem "großen Akt von Heuchelei und Lüge sprach", dass Österreicher Verantwortung für die Geschehnisse hätten, wurde er immerhin von Klubobmann Wolfgang Schüssel korrigiert.
Schüssels Einwurf, "auch Österreicher waren Täter", war notwendig. Aber er hätte sich klarer von Habsburgs Äußerungen distanzieren müssen. Auch von der historisch falschen Aussagen, dass ohnehin nur 60.000 damals auf dem Heldenplatz waren, "bei jedem Fußballmatch sind 60.000". In Wahrheit waren es rund 250.000.
Der eigentliche Skandal ist aber, dass Habsburg für seine Aussagen von den versammelten ÖVP-Politikern Applaus bekam und auch noch Gelächter erntete. Das muss wie Hohn in den Ohren der NS-Opfer geklungen haben.
Dass sich die Aufregung darüber in Grenzen hielt, sagt viel mehr über das in diesem Land vorherrschende Geschichtsbild. Es fanden sich auch nur einzelne Historiker, die sich kritisch äußerten. Viele verwiesen auf das Alter Habsburgs. Aber das kann nicht als Entschuldigung für diese wohl überlegten Aussagen herangezogen werden.
Aber auch die Politiker anderer Parteien nutzten die Gelegenheit nicht, sich klar von der Opferthese zu distanzieren. Bei der offiziellen Veranstaltung im Parlament zwei Tage nach den Habsburg-Entgleisungen hätte die Chance dazu bestanden.
Die Repräsentanten dieser Republik mäanderten in ihren Wortmeldungen im üblichen Einerseits-Andererseits. So auch Bundespräsident Heinz Fischer: Österreicher seien sowohl Opfer als auch Täter gewesen. Ähnlich Bundeskanzler Alfred Gusenbauer: Zigtausende seien im Widerstand, aber viele Österreicher seien auch Teil der Vernichtungsmaschinerie gewesen. Die klarsten Worte fand der frühere Bundeskanzler Franz Vranitzky, der den Bogen in die Gegenwart spannte: "Wir haben den Verbrecher Adolf Hitler besiegt, aber seien wir wachsam, wir müssen ihn immer wieder besiegen."
Es gibt genug, was angesprochen und getan werden müsste: dass es keinen Schlussstrich geben dürfe. Noch sind nicht alle Täter bestraft. Es ist auch eine Schande, dass im viertreichsten EU-Land Geld für den Erhalt und die Sanierung jüdischer Friedhöfe fehlt und Raubkunst noch nicht vollständig zurückgegeben wurde.
Noch leben Zeitzeugen, die ihre Erinnerungen weitergeben können, in welcher Form auch immer. Es gibt Geschichtslehrer, die es zum Glück besser als Politiker in offiziellen Gedenkreden verstehen weiterzugeben, warum in Österreich die Opferthese nicht mehr länger vertreten werden darf. Es ist ein ermutigendes Zeichen, dass sich vor allem junge Menschen am Mittwochabend am Heldenplatz einfanden, um mit Kerzen an die 80.000 Opfer des NS-Regimes zu erinnern. Österreich und die hier lebenden Menschen haben eine Verantwortung, sich ihrer Geschichte zu stellen. Die Politiker sind dieser Verantwortung in diesen Tagen nicht gerecht geworden. Das war eine vertane Chance, Österreichs Geschichtslügen endlich zu korrigieren.

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