Unternehmensfinanzierung im Schatten der Subprime-Krise

Pressegespräch zum "industrie aktuell"-Industrieforum 1/2008

Wien (OTS) - Die Immobilien-, Hypotheken- bzw. Subprime-Krise
trägt ihren Namen längst zu Unrecht: Sie hat in den Monaten seit ihrem Ausbruch ihren zunächst engen Bereich verlassen und den Anstoß zu einer Neubewertung von Risiken in allen Bereichen gegeben. Und sie hat Unsicherheit in den Markt gebracht.

Dieser Prozess ist an der Unternehmensfinanzierung nicht spurlos vorübergegangen: Seit Mitte des vergangenen Jahres löste die Subprime-Krise und die mit ihr verbundene Neubewertung von Risiken wiederholt markante Kursrückgänge an den internationalen Börsen aus -und sie geht mit einer geringeren Aufnahmebereitschaft der Märkte für Aktienemissionen einher. Gleichzeitig führt die strengere Risikobeurteilung der Unternehmen, aber auch die Notwendigkeit auf Seiten der Banken, ihre Eigenmittel wieder aufzufüllen, zu einer Verteuerung der Kredite.

Volksbank AG- und Investkredit-Vorstandsmitglied Mag. Wolfgang Perdich rechnet damit, dass durch die Folgen der Immobilienkrise auch die Finanzierung von Unternehmen beeinflusst wird: "Banken vergeben nicht mehr so freigiebig Geld an Kundenunternehmen und heben ihre Zinsen und Gebühren an, um die drohenden Verluste wenigstens teilweise abzufedern." Die Verknappung der Kreditressourcen wird sich insbesondere auf Unternehmen auswirken, die großvolumige Projekt-, Immobilien- und Übernahmefinanzierungen brauchen, sowie auf Venture Capital- und Private Equity-Unternehmen, die stark auf Bankenkredite angewiesen sind.

Um sich für einen Bankkredit zu qualifizieren, werden die Unternehmen ihre Bilanzen optimieren und Bonität erhöhen müssen und bereit sein, einen höheren Preis zu zahlen. "Banken werden verstärkt versuchen, sich von jenen Kunden zu trennen, die die relativ schlechteste Bonität aufweisen", skizziert Wolfgang Perdich eine weitere Auswirkung am Finanzierungsmarkt. Der gestiegene Abschreibungsbedarf bei den Banken und die daraus resultierende Verlangsamung der internen Eigenkapitalakkumulation bzw. Eigenkapitalvernichtung lassen zusammen mit der erschwerten Liquiditätsbeschaffung am Geldmarkt und am Kapitalmarkt den Banken keine andere Wahl, als die Risikoaufschläge für Kundenkredite anzupassen - und zwar nach oben.

"Die Kapriolen am internationalen Kapitalmarkt haben direkte Folgen auf das klassische Kreditgeschäft", betont der Gründer und geschäftsführende Teilhaber von Finance Trainer,
Dr. Hannes Enthofer. Er leitet aus der Entwicklung der von Banken am Geldmarkt zu zahlenden Liquiditätsprämien und der Credit Spreads -das sind die Unterschiede in den Kreditkonditionen von Schuldnern unterschiedlicher Bonität - folgendes ab: Allein die gestiegenen Refinanzierungskosten der Banken am Geldmarkt können zu einem Anstieg der Kosten für Kreditfinanzierungen von bis zu einem Prozentpunkt führen. Gleichzeitig signalisieren steigende Credit Spreads eine höhere Ausfallswahrscheinlichkeit, offenbar rechnen die Marktteilnehmer mit wirtschaftlich schwierigeren Zeiten. Sofern Unternehmen ihr Fremdkapital nicht zu langfristig fixen Zinssätzen oder langfristig mit fixen Euribor-Aufschlägen aufgenommen haben, müssen sie daher mit steigenden Finanzierungskosten rechnen. Hannes Enthofer: "Generell kann davon ausgegangen werden, dass - falls es nicht schon der Fall war - die Finanzierungskosten der Unternehmen in den nächsten Monaten noch kräftig anziehen können."

Nach Einschätzung von Dr. Hans-Georg Kantner, Bereichsleiter Insolvenz beim KSV, bleibt die Auswirkung der Subprime-Krise auf die mittelbetriebliche österreichische Wirtschaft begrenzt. Aber die Unsicherheit im Markt, welches Finanzinstitut durch welche Veranlagungsinstrumente wie viel Geld verloren hat, ist nicht zu leugnen: "Ich weiß es nicht, der österreichische Mittelständler weiß es nicht, seine Hausbank weiß es vielleicht auch nicht. Und genau darin liegt die Verunsicherung des Marktes. Und Unsicherheit kostet immer Geld; also werden die Kreditzinsen steigen."

Die Subprime-Krise ist wahrscheinlich ein heilsamer Schock, aber er hat bisher in Österreich keine negativen Auswirkungen auf KMUs gezeigt und wird dies voraussichtlich auch nicht tun. Hans-Georg Kantner: "Banken lernen im Gegenzug, dass eine Strategie des schnellen Geldes oft das Gegenteil bewirkt, nämlich den schnellen Geldverlust."

In der schwierigen Marktsituation seit Ausbruch der Subprime-Krise konnte zwar mit der STRABAG der größte Börsengang in der Geschichte der Wiener Börse höchst erfolgreich abgewickelt werden, gleichzeitig mussten aber auch mehrere IPOs kurzfristig abgesagt werden. "All jene Unternehmen, die sich von den grundsätzlichen Vorteilen eines Börsengangs überzeugt haben, werden an die Börse kommen - jetzt oder etwas verzögert", ist Dr. Michael Buhl, Mitglied des Vorstandes der Wiener Börse, trotz der aktuellen Absagen überzeugt: "Für ein wachstumsorientiertes Unternehmen am Standort Österreich führt kein sinnvoller Weg an der Wiener Börse vorbei."

Michael Buhl ist überzeugt, dass die Bedeutung der Wiener Börse für die Finanzierung österreichischer Unternehmen weiter zunehmen wird: "Diese Finanzierung erfolgt immer häufiger durch Aktien- oder Anleiheemissionen." Trotz des schwierigen Umfelds lag 2007 das Volumen der Aktienemissionen an der Wiener Börse mit mehr als EUR 10 Mrd. nahe dem Rekordniveau.

"Die Auswirkungen der Subprime-Krise auf Venture Capital und Private Equity sind aus heutiger Sicht nicht so dramatisch wie befürchtet", stellt Dr. Jürgen Marchart, Geschäftsführer der Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation (AVCO), fest. Allerdings gibt er zu bedenken: "Das Fundraising für neu aufgesetzte Fonds könne sich aufgrund der erhöhten Vorsicht der Investoren etwas beschwerlicher gestalten."

Im Jahr 2006 konnte (in Einklang mit gesamteuropäischen Trends) bei den getätigten Investitionen der zweithöchste Wert der Geschichte und beim Fundraising sogar ein all time high verbucht werden. Wie sich die neue Einschätzung der Risiken und eine dadurch ausgelöste Zurückhaltung der Investoren auf den langfristigen Trend im PE/VC Geschäft bemerkbar machen wird, kann seriöser Weise noch nicht endgültig beurteilt werden. "Unangenehm für die Exit-Möglichkeiten der eingegangenen Investments wäre beispielsweise, wenn Unternehmen in Zukunft wieder vor einem verschlossenen Börsen(gangs)tor stehen", weist Jürgen Marchart auf ein mögliches Risiko hin.

In der neuesten Ausgabe von "industrie aktuell" beschäftigt sich das "Industrieforum" mit der "Unternehmensfinanzierung im Schatten der Subprime-Krise ". Diskussionsbeiträge zu diesem Thema haben Frequentis-Finanzvorstand Sylvia BARDACH, Börse-Vorstandsmitglied Dr. Michael BUHL, Finance Trainer-Partner Dr. Hannes ENTHOFER, KSV-Bereichsleiter Dr. Hans-Georg KANTNER, AVCO-Geschäftsführer Dr. Jürgen MARCHART sowie Volksbank AG- und Investkredit Bank AG-Vorstandsmitglied Mag. Wolfgang PERDICH verfasst. Im Leitartikel fasst Dipl.-Vw. Uta POCK, Chefvolkswirtin der Volksbank Gruppe, die US-Hypothekenkrise und deren Auswirkung zusammen.

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