WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Serbien: Wenn bloß die Politik nicht wäre... - von Michael Laczynski

Für Firmen hat Serbien viele Vorteile und einen Nachteil: die Politik

Wien (OTS) - Was tun mit Serbien? Das Thema beschäftigt dieser
Tage nicht nur die europäischen Politiker, sondern auch die Wirtschaftstreibenden. Und alles dreht sich wieder einmal um die leidige Kosovo-Frage bzw. um die serbische Reaktion auf die Unabhängigkeitserklärung der von Albanern dominierten Provinz. Wer in jüngster Zeit mit serbischen Staatsbürgern gesprochen hat, weiß, dass nicht nur rechtsradikale Möchtegern-Tschetniks den Kosovo nicht aufgeben wollen. Auch viele Liberale, Künstler, Intellektuelle -Menschen also, die in den 90er-Jahren gegen Slobodan Milosevic auf den Straßen Belgrads demonstriert hatten - sprechen sich für den Verbleib der Provinz im serbischen Staatsgefüge aus. Der Westen hat einerseits die Kosovaren auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit unterstützt, anderseits das Ausmaß des Widerstands in der serbischen Bevölkerung ganz klar unterschätzt. Dessen jüngste Folge ist der Rücktritt der Regierung samt Neuwahlen im Mai. In den europäischen Hauptstädten herrscht nun Ratlosigkeit.

Doch nicht nur die Politiker stecken in einer Zwickmühle. Auch Unternehmern, die den vielversprechenden serbischen Markt bearbeiten wollen, ist nun unwohl zumute. Das Säbelrasseln der serbischen Ultra-Nationalisten von Tomislav Nikolic hat die Investitionslust spürbar gedämpft. Man wolle erst einmal abwarten, ob sich die Wogen nach der Parlamentswahl glätten werden, heißt es in vielen Firmenzentralen.

Dabei dürfte die Entscheidung zum Markteintritt den österreichischen Managern eigentlich gar nicht schwer fallen, denn die positiven Attribute Serbiens liegen auf der Hand: Mit rund acht Millionen Einwohnern ist es der größte Markt am Balkan, in vielen Bereichen -von der Infrastruktur über Energiewirtschaft bis zu Tourismus und Industrie - herrscht hoher Investitionsbedarf, die Wirtschaft wächst, die Löhne sind angesichts der hohen Arbeitslosigkeit moderat, der Ausbildungsstand der Arbeitskräfte hoch - und zu guter Letzt hat Serbien den Vorteil eines Freihandelsabkommens mit Russland, was der Ost-Fantasie vieler Exporteure durchaus zuträglich sein müsste. Einziger Nachteil ist somit die Politik. Doch auch hier muss man die Kirche im Dorf lassen. Selbst wenn die Nationalisten im Mai einen Sieg davontragen: Der EU gänzlich den Rücken zukehren, wird Serbien nicht einmal mit Nikolic an der Spitze der Regierung -dazu ist der serbische Selbsterhaltungstrieb viel zu ausgeprägt. Die Wirtschaft sollte also Gelassenheit entwickeln, denn in dem Kosovo-Drama ist vieles nur Theaterdonner.

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