"KURIER"-Kommentar von Anfred Payrleitner: "Endlich klüger geworden?"

Bei ernstem Anlass findet man im Parlament auch die richtigen Worte.

Wien (OTS) - Gott sei Dank wurde diese Chance genützt: Beim Gedenken an den März 1938 fand die Regierungsspitze zu jenem Ernst zurück, den sie schon seit Monaten so sehr vermissen lässt. "Man sollte lernen, die eigenen Lösungen mit den Augen des anderen zu sehen. Keiner hat einen verbrieften Anspruch auf Wahrheit"(so der Vizekanzler). Und "Wir gingen nicht sorgsam genug mit der Sprache um. Wir müssen sorgfältiger werden." So Alfred Gusenbauer.
Beide vermittelten wesentliche Einsichten, etwa der Kanzler mit seiner Kritik an der Mediengesellschaft, die oft nur Schwarz-Weiß-Darstellungen kenne. Das ist leider richtig.
Jetzt müssten sich nur alle an ihre eigenen Diagnosen und Empfehlungen halten. Die Probe aufs Exempel kann ab sofort angetreten werden.
Leider währte die unsinnige Polemik bis knapp vor dem Festakt. Wenn Verteidigungsminister Darabos Otto Habsburg attackiert, weil dieser am Montag im gleichen historischen Reichsratssaal gemeint hatte, dass es "keinen Staat in Europa gebe, der mehr Recht hat, sich als Opfer Nazideutschlands zu bezeichnen als Österreich ", so lagen gleich beide falsch: Natürlich gab es in anderen Ländern noch weitaus größere Zahlen an NS-Opfern als hierzulande. Doch Otto ging es offenkundig um den völkerrechtlichen Aspekt, und hier ist der jahrelange Widerstand gegen die Nazi- Aggression eindeutig belegbar. Erst durch Terror und Einmarsch konnte der Österreich-Hasser Hitler letztlich sein Ziel erreichen. Schade ist nur, dass der Kaisersohn nicht auch berichtete, was er mir schon vor Jahren bei einem privaten Gespräch auf Anfrage erzählte: Dass er 1938 bei etwaiger Übergabe der Regierungsverantwortung natürlich Schießbefehl gegeben hätte. Schließlich hatte er damals auch von Putschplänen an der Spitze der deutschen Wehrmacht erfahren.
Schuschnigg dagegen wollte absolut kein deutsches Blut vergießen, das war seine Richtmarke. Doch man kann nicht dramatisch zu "Bis in den Tod rot-weiß-rot" aufrufen (vor dem Bundesrat am 24. Februar) und danach, ohne einen Schuss abzufeuern, kapitulieren. Dieser totale Richtungswechsel hat vielen österreichischen Patrioten moralisch das Kreuz gebrochen.
Historisch betrachtet war diese Fixierung sogar blanker Unsinn. Denn vom Siebenjährigen Krieg bis zu Königgrätz im 19.Jh. haben deutsche Stämme immer wieder auf andere Deutsche geschossen. Es gibt höhere Werte als das mystifizierte "Blut". Ähnliches gilt für das "Volk". Es hat so viele verschiedene Gesichter und Erscheinungsformen, dass eine eindeutige Berufung auf diese Abstraktion kaum sinnvoll ist. Hätten beide Abstimmungen, die abgesagte und die braune, stattfinden können, so wäre wohl jeweils ein "Ja" herausgekommen. Ein Mal für und ein Mal gegen Österreich ... Geschichte ist ziemlich absurd und sehr oft grausig. Wer in ihr handelt, weiß auch nie, was letztlich herauskommt. Aber Schwarz-Weiß-Klischees führen bestimmt nicht weiter.

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