70 Jahre "Anschluss" - Gusenbauer: Zigtausende im Widerstand, aber viele Österreicher Teil der Vernichtungsmaschinerie

"Die Bevölkerung erwartet von uns allen nachvollziehbare Arbeit und keine fruchtlosen Streitereien"

Wien (SK) - In seiner Rede bei der Gedenksitzung der Bundesversammlung anlässlich des 70. Jahrestages des Einmarsches deutscher Truppen in Österreich erklärte Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, dass der 12. März 1938 ein "tiefer und unendlich schmerzvoller Einschnitt für unser Land" war. "Mit der Okkupation Österreichs wurde ein entscheidender Schritt in Richtung einer der größten Katastrophen der Weltgeschichte gesetzt", betonte Guenbauer, wies aber auch darauf hin, dass diese Herrschaft der Nationalsozialisten "auch von vielen österreichischen KollaborantInnen und SympathisantInnen des NS-Regimes mitgetragen" wurde. Der Bundeskanzler appellierte, zu versuchen, aus der Geschichte zu lernen. Er wies in dem Zusammenhang auf die Verrohung der Sprache hin: "Wir alle sollten uns diesbezüglich wieder etwas zurücknehmen." ****

Am Ende des so genannten Tausendjährigen Reiches, dem nun auch Österreich angehörte, waren "ein beispielloser Völkermord und Millionen von Toten zu beklagen. Weite Teile Europas, der Sowjetunion und Japans lagen in Schutt und Asche." Bewusst würde die europäische Demokratiebildung auf der kritischen Auseinandersetzung mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust aufbauen.

Der Bundeskanzler wies darauf hin, dass der deutsche Einmarsch in Österreich den Schlusspunkt eines tragischen Prozesses markierte, der den Weg Österreichs zu Zeiten der Ersten Republik kennzeichnete. Da war der Zusammenbruch der Monarchie, "der die Menschen zutiefst verunsicherte". Daraus folgte der fehlende Glaube an die Zukunftschancen des kleinen österreichischen Reststaates. "Anschlussideen an ein demokratisches Deutschland hatten durchaus viele Gesellschaftsschichten erreicht", so Gusenbauer. Ursache waren die katastrophale wirtschaftliche Lage und die Massenarbeitslosigkeit. "Hinzu kam die innere Zerrissenheit Österreichs, die in bewaffnete Auseinandersetzungen mündete und schließlich zur Ausschaltung der Demokratie 1933 und zum Bürgerkrieg führte."

Der Bundeskanzler erinnerte auch an den Putschversuch der Nationalsozialisten im Jahr 1934, "der zwar in einer Niederlage und der Ermordung des autoritär regierenden
Bundeskanzler Engelbert Dollfuß endete, aber die Gefahr von dieser Seite offenkundig machte". Am verhängnisvollsten aber habe sich nach Ansicht maßgeblicher Historiker die tiefe innere Spaltung des Landes ausgewirkt, "die an einer Bruchlinie zwischen wachsender Verarmung und sinkendem Wohlstand verlief". Die Unfähigkeit der zerstrittenen Politiker, dieser inneren Entwicklung Einhalt zu gebieten und der äußeren Bedrohung ebenso energisch wie einig entgegenzutreten, hätte ein Übriges getan.

Verbalradikalismen können eine Gesellschaft spalten

In der Wahrnehmung vieler Menschen verschwinden die Geschicke der Ersten Republik immer mehr im Dunkel der Geschichte. Zu diesem Wahrnehmungsverlust zähle auch die abnehmende Erkenntnis, welch fatale Folgen die Verrohung der Sprache in der politischen Auseinandersetzung haben könne. Gerade die Geschichte der Ersten Republik zeige, dass Verbalradikalismen eine Gesellschaft spalten können.

Diese Gräben können nicht nur aufgrund verschiedener politischer Auffassungen entstehen, sondern auch durch mangelnde religiöse Toleranz, warnte Gusenbauer. Gegen Radikalfundamentalismus müsse man auf die Mittel der Aufklärung setzen, "also auf kulturellen Dialog, auf die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören und ihn ernst zu nehmen".

"Wenn wir heute etwa vom Geist der Lagerstraße, also jenem in den Konzentrationslagern der Nazis geschlossenem und auf eine noch ferne Zukunft gerichteten Konsens zwischen den in der Ersten Republik verfeindeten Politikern sprechen, so tun wir das voll Respekt vor der Aufbauleistung der Generation unserer Eltern und Großeltern", so Gusenbauer, der aber auch darauf hinwies, dass es in den letzten Wochen und Tagen vor dem Anschluss "durchaus so etwas wie einen demokratischen Frühling gegeben hat, auf dem die Zweite Republik aufbauen konnte. Illegale Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Kommunisten und Christlichsoziale demonstrierten gemeinsam gegen die drohende NS-Machtübernahme, die sich in manchen Bundesländern schon Ende Februar 1938 abgezeichnet hatte."

Es sei der Generation der später Geborenen vorbehalten geblieben, ihren Eltern jene Fragen zu stellen, "die oft als schmerzhaft und ungehörig empfunden, als Zwang zur Rechtfertigung missverstanden wurden". Und doch seien sie notwendig gewesen, "um aus der Distanz zu den Geschehnissen der Jahre 1938 bis 1945 auch den Bewegungsspielraum ermessen zu können, der dem einzelnen Individuum bleibt, wenn über ihn hinweg schreitet, was heute noch manche euphemistisch als großen Gang der Geschichte bezeichnen".

Viele Österreicher hätten vor dem militärischen Anschluss für einen Anschluss von innen gesorgt und bei ersten symbolischen Pogromen Juden und Jüdinnen unter dem Gejohle von vielen anderen gezwungen, die Anti-Anschluss-Parolen von der Straße wegzuwaschen. "Heute sollen uns diese Bilder mit Scham und Trauer erfüllen."

"Es stimmt auch, dass zigtausende Österreicherinnen und Österreicher auch mit der Waffe in der Hand gegen das Nazi-Regime kämpften, dass tausende in den Todeslagern ihr Leben ließen." Das sei die eine Seite der historischen Medaille.
"Die andere, dunklere ist, dass viele unserer Landsleute aktiv in der Vernichtungsmaschinerie tätig waren, die von den Nazis in Gang gesetzt wurde und Millionen Menschen das Leben kostete." Es wäre falsch und würde das Leid der Opfer auf besonders perfide Weise schmälern, würde man die Schuld einzelner Täter auf das Kollektiv der gesamten Bevölkerung umwälzen. "Aber wir haben, auch im Abstand von 70 Jahren, diesen Tatsachen ins Auge zu blicken, aus Respekt vor den Opfern ebenso wie im Hinblick auf unsere eigene Integrität als Bürger dieses Landes."

"Keine Wiedergutmachung kann das Leid schmälern, das die Nazis unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern angetan haben." Jede Restitution könne daher nur eine kleine, unbedeutende Geste sein, die das Unverzeihliche weder ungeschehen machen noch abgelten kann. Österreich habe nach Jahren der Versäumnis diese Geste gesetzt und viele Kritiker würden meinen, es sei reichlich spät gewesen. "Auch ich bin der Meinung, das es früher hätte geschehen müssen und kann daher die Überlebenden und ihre Angehörigen nur demütig bitten, diese Geste als das anzunehmen, was sie ist: als geringfügige Anerkennung des Unrechts, das ihnen angetan wurde."

Versuchen, von der Geschichte zu lernen - Warnung vor Verschärfung der Tonart

Es sei gewiss unzulässig, leichtfertige Analogien vom autoritären Dollfuß-Schuschnigg-Regime auf die Zweite Republik abzuleiten. Dennoch würden einige der Entwicklungen der letzten Zeit auch im größeren Kontext nachdenklich stimmen. "Vor allen Taten steht und stand, damals wie heute, das Wort. Wir müssen uns alle eingestehen, dass wir in den letzten Monaten nicht eben sorgsam damit umgegangen sind." Auch wenn man in Rechnung stelle, dass in der Hitze des tagespolitischen Geschäftes vorschnell ausgesprochen wird, was besser etwas länger bedacht worden wäre, sollte man in dieser Beziehung wieder strenger zu sich selbst sein. "Wir sehen, ich wiederhole es, gerade an den dunklen Phasen unserer Geschichte, wohin die Verrohung der Sprache, die im politischen Diskurs gepflegt wird, führen kann", betonte der Bundeskanzler.

Im Sport habe der Zweikampf, die Auseinandersetzung zur Ermittlung eines Siegers und eines Besiegten, sinnstiftenden Stellenwert. In der Politik sollte er es abseits der Wahlkämpfe nicht haben, und es wäre ein Irrtum zu glauben, "dass sich die Öffentlichkeit an politischen Zweikämpfen anhaltend ergötzt". "Die Bevölkerung erwartet von allen von uns nachvollziehbare Arbeit und keine fruchtlosen Streitereien."

Gusenbauer warnte ausdrücklich vor Toleranzverlust, der sich in seiner übelsten Form "im rabiaten, stark zunehmenden Antisemitismus" äußert. Solche Tendenzen "können nur hintan gehalten werden, wenn wir für alle Bewohner unseres Landes Rahmenbedingungen schaffen, die ihnen nicht nur das Auskommen, sondern ein Dasein in Würde ermöglichen". Daher: "Wir müssen darauf achten, dass die soziale Balance, die unser Land über Jahrzehnte hinweg ausgezeichnet hat, nicht ins Schwanken gerät und wir gezielt jenen unter die Arme greifen, die an die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten gelangt sind."

Schließlich erinnerte Gusenbauer an den großen amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln, der einmal sinngemäß gesagt habe, dass ein in sich geteiltes Haus nicht bestehen kann. "Österreich hat das vor 70 Jahren in einem Ausmaß zu spüren bekommen, dass sich damals kein Mensch vorstellen konnte und das sich heute kein vernünftig Denkender zurückwünschen kann. Lassen Sie uns in der Arbeit für unser Land darauf achten, dass unseren Kinder und Kindeskindern nie wieder solche Prüfungen auferlegt werden, wie sie unsere Eltern und Großeltern ertragen mussten." (Schluss) up

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