"Kleine Zeitung" Kommentar: "Stunde der Vereinfacher" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 09.03.2008

Graz (OTS) - Siebzig Jahre, ein knappes Menschenleben, sind seit
den Märztagen 1938 vergangen, als Österreich aufhörte zu sein. Über die Barbarei, die folgte, gibt es keinen Dissens mehr zwischen den beiden großen politischen Lagern. Auch das Ausmaß eigener Verstrickung ist geklärt. Die Erinnerung an 1938 und das Grauen danach sind kein politisch vermintes Gelände mehr.

Für die Jahre, die davor liegen, gilt das nicht. Noch immer haben SPÖ und ÖVP in der Beurteilung des autoritären Ständestaates ein gespaltenes Geschichtsbild. Noch immer wird aus alten rhetorischen Schützengräben gefeuert. Da gibt es keine Schattierung, kein Zubilligen und Abwägen. Am sichtbarsten wird die klaffende Rezeptionswunde in der Einschätzung von Engelbert Dollfuß, jenes Kanzlers, den 1934 Nazis ermordeten und der ein Jahr zuvor mit einem Staatsstreich das Parlament ausgeschaltet, die Arbeiterbewegung niedergeschlagen und an die Stelle einer brüchigen, bedrohten Demokratie eine Regierungsdiktatur gesetzt hatte.

Für die SPÖ ist er noch immer der "Arbeitermörder" und für die ÖVP der "Märtyrerkanzler". Für die einen ist er Täterfigur, die Hitler den Pflug machte, und für die anderen das Opfer, das sich den Nazis patriotisch entgegenstellte.

Die Wahrheit ist pluralistischer, aber sie hat bei den Vereinfachern und Geschichtsmetzgern in SPÖ und ÖVP keine Chance. Dollfuß war doppelgesichtig beides, Täter und Opfer. Er ist weder Dämon noch Wand-Ikone. Es stimmt: Dollfuß hat den Nazis früh und energisch Widerstand geleistet, aber nicht als Demokrat.

Er verbot Parteien und internierte Gegner. Er trieb die Sozialdemokratie in den Untergrund und schwächte damit auch die antinazistische Widerstandskraft. Er wollte die große Diktatur verhindern, indem er eine kleinere errichtete.

Den Unterschied in der Monstrosität unterschlägt die SPÖ bis heute; im Übrigen hat auch sie damals das Wort Diktatur (des Proletariats) im Mund und im Programm geführt; und sie hört auch nicht gerne, dass die Sozialisten ihren Vorrat an oppositioneller Energie für die Schwarzen aufbrauchten und die braune Bedrohung zu spät begriffen.

Eine differenzierte Sichtweise, die Schuld und Versäumnis nicht paritätisch banalisiert, müsste siebzig Jahre später eine kulturelle Selbstverständlichkeit sein. Beide Parteien sind nicht mehr die, die sie damals waren. Lichtjahre liegen zivilisatorisch dazwischen. Beide eint heute viel mehr, als sie trennt. Wenn ihnen schon der gemeinsame Blick in die Zukunft unmöglich ist, dann sollte wenigstens der in die Vorvergangenheit gelingen.

Es wird Zeit.****

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