"Kleine Zeitung" Kommentar: "Leben als Schaden: Das fatale Streben nach Makellosigkeit" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 07.03.2008

Graz (OTS) - Der heutige Mensch hat perfekt zu sein. Seine Zähne müssen in blendendem Weiß erstrahlen, der Teint soll braun, der ewig junge Körper makellos geformt sein.

Schönheit ist ein machbares Glück. Das ist das neue Credo, das uns überallhin begleitet. Um schön zu sein, hungern sich junge Mädchen zu Tode.

Es ist wie mit einer Droge: Mittlerweile beherrscht der Schönheitswahn sogar die Familienplanung. In einer alternden Gesellschaft müssen auch die wenigen Babys, die auf die Welt kommen, perfekt sein. Modernste Pränataldiagnostik sorgt dafür, dass Behinderungen schon im Mutterleib entdeckt und "selektiert" werden.

Noch vor drei Jahrzehnten gehörten behinderte Menschen zum Alltag. Heute sind sie daraus verschwunden, weil der Großteil im Mutterleib getötet wird und Spätabtreibungen bis zur Geburt möglich sind.

Über die Frauen, die sich gegen ihr Kind entscheiden, sollte niemand urteilen. Sehr wohl sollten wir alle uns aber fragen, ob das Drama später Abbrüche nicht vermieden werden könnten, würden wir Behinderte uneingeschränkt in unserer Mitte akzeptieren. Das tun wir nicht.

In unserer Gesellschaft, für die der schöne Leib ein mächtiges soziales Zeichen ist, hat der offenbare Makel nichts verloren. Abweichler von der Norm werden stigmatisiert, ihre Eltern angepöbelt und ausgegrenzt. Behindertes Leben wird als Schadensfall angesehen, der den Eltern zu ersetzen ist.

So sieht es auch der Oberste Gerichtshof. Weil die Ärzte eines Kärntner Spitals die Behinderung eines Ungeborenen übersahen, muss das Krankenhaus jetzt für dessen Lebensunterhalt aufkommen. Wären die Eltern über das Gebrechen richtig informiert worden, hätten sie ja abtreiben können. Das ist zwar eine Straftat, wird aber nicht weiter geahndet.

Zu ihrem Urteilsspruch mag die Richter zwar Barmherzigkeit bewogen haben. Nur das Signal, das die Herren im Talar mit ihrer grässlichen Logik aussenden, ist fatal, weil die passive Straffreiheit der Abtreibung in einen aktiven Anspruch umgedeutet wird. Wer aber entscheidet, welches Leben lebenswert ist, welches nicht?

Aus Furcht davor, haftbar gemacht zu werden, werden die Mediziner künftig noch öfter als bisher zu Abtreibungen raten.

Ethisch ist das Urteil schließlich deshalb ein Debakel, weil es Behinderte zu Menschen zweiter Klasse herabwürdigt. Behinderung ist ein vermeidbares Übel, so lautet die Botschaft. In ihrem krankhaften Wahn nach körperlicher Vollkommenheit raubt unsere Gesellschaft ihren Schutzwürdigsten das Recht auf Leben. ****

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