Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

An der Bassena

Wien (OTS) - Wir führen hierzulande fast nur noch die falschen Debatten. "Wir": Das sind die Medien genauso wie die Politiker. Je Bassena-artiger das Thema, umso lauter beider Geschrei. Die Politik meidet die wirklich wichtigen Fragen, und auch die dominierenden Medien weichen ihnen aus, durchschauen komplizierte Fragen nicht oder trauen ihren Sehern/Lesern nicht zu, damit befasst zu werden.

Es ist einfach nicht wichtig und kein Beweis für Charaktermängel, wenn Alfred Gusenbauer und Karl-Heinz Grasser freie Sitze in der Business Class einnehmen dürfen statt in der bezahlten Holzklasse. Es ist menschlich total nachvollziehbar, wenn Gusenbauer einmal das Wort "Gesudere" im Hinblick auf eine Parteiveranstaltung entschlüpft, oder wenn Wolfgang Schüssel einmal jemanden als "Sau" bezeichnet (beides wohlgemerkt in vermeintlicher Privatheit gesagt).

Die wahren Katastrophen sind ganz andere: Eine ist das populistische Lostreten einer Steuerdebatte. Eine andere das Gesundheitssystem, wo niemand die wahren Probleme angeht, weil sich keine Partei mit Ärzten, Bundesländern und Sozialpartnern anzulegen wagt - die jüngste SPÖ-Idee, einfach noch mehr Schulden zugunsten der kranken Kassen zu machen, kann ja nicht ernsthaft als Lösungsversuch gemeint sein. Eine weitere Katastrophe ist das totale Desinteresse der Regierung an einer Staats- und Verwaltungsreform, wo man das einzig geeignete, nämlich das wahlfreie Jahr 2007 verschlafen hat; auch diesbezüglich wagt niemand die notwendigen Konfrontationen, in diesem Fall mit Ländern und Beamtenvertretern. Eine Katastrophe ist auch das Schulsystem, wo gerade ein Buch ("Der talentierte Schüler und seine Feinde") neuerlich aufzeigt, wie sehr die dümmliche Gesamtschul-Debatte einiger Schreibtisch-Pädagogen eine Lösung der wahren Probleme verhindert und wie auch hier die Gewerkschaft bremst. Ebenso katastrophal geht es beim Thema Migration zu, wo man verabsäumt, leistungsbereite und -fähige Zuwanderer nach Österreich zu locken, wo man aber auch die Kritik des Verfassungsgerichtspräsidenten ignoriert, dass es zu viele rechtliche Verfahrensmöglichkeiten gibt, mittels derer raffinierte NGO-Anwälte die Abschiebung unerwünschter Zuwanderer auf Sankt Nimmerlein hinausschieben können.

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