WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Gusenbauer versucht es nun mit Wirtschaft - von Esther Mitterstieler

...und verhilft den Unternehmen so zu möglichen Aufträgen

Wien (OTS) - Wie war das noch? Aus der Geschichte lernen? Oder wie Bruno Kreisky etwas weniger charmant Journalisten an den Kopf warf:
Lernen Sie Geschichte? Abgesehen davon, dass der Mensch diese Lernfähigkeit selten besaß, ist es wohl derzeit hierzulande nicht die richtige Fragestellung. Besser wäre: Lernen Sie Politik!

Adressat der Aufforderung wäre dieses Mal kein Journalist - die sind ohnehin weniger wichtig, als sie selbst und die Politiker mitunter glauben -, Adressat muss die heimische Innenpolitik sein. Da wird jetzt gerungen um Koalitionsmöglichkeiten: vielleicht doch Rot-Blau? Wochenlange Diskussionen sind uns sicher. Dass diese Hirngespinste nichts bringen, schon gar kein Aufarbeiten der dringendsten Vorhaben wie Gesundheits- und Verwaltungsreform, wird sich schnell zeigen. In dieser innenpolitisch aufgeheizten Situation hat einer Politik längst gelernt. Man mag ihm viel vorwerfen, aber das kann er: Bundeskanzler Alfred Gusenbauer hat sich zwar mit seiner ungeschickten Ansage zum Vorziehen der Steuerreform internem Druck gebeugt. Jetzt aber macht er das, was er gelernt hat: er versucht sich als Staatsmann der alten Politik, reist mit einer Wirtschaftsdelegation nach Rumänien, trifft Minister und Staatspräsident und lässt innenpolitische Querelen vergessen. Dafür gebührt ihm Lob, weil er der heimischen Wirtschaft zu möglichen Aufträgen verhilft und die Rahmenbedingungen mit Politikern vor Ort positiv beeinflussen kann.

Dass Gusenbauer die Wirtschaft entdeckt hat, ist gerade für seine Partei ein spannender Zusatz. Auch wenn das parteiintern aus wahlpolitischen Gründen nicht gern gesehen wird. Schließlich will man die kleine Frau/den kleinen Mann ansprechen. Die
sozialdemokratische Zurückhaltung bei wirtschaftlichen Fragen führt nur zu oft zu Kopfschütteln. Dass OMV oder Wiener Städtische von CEOs geführt werden, die aus der roten Reichshälfte stammen, wird gerne unter den Tisch gekehrt. Als ob man sich dafür schämen müsste.

Aber der Kanzler hat anscheinend nicht nur Politik, sondern auch Wirtschaft gelernt. Damit ist es aber schon wieder mit dem Lob vorbei. Warum hat er es gelernt? Einfacher Grund: Mit solchen Aktionen lässt er innenpolitische Diskussionen von sich abprallen. Das hat er gelernt: Von Churchill, von Clinton (Bill), von Bush (George eins und zwei), von Schröder und wie sie alle heißen. Wieviel das am Ende des Tages bringt, wird sich weisen.

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