"Kleine Zeitung" Kommentar: Schizirkus am Abgrund: So will niemand unterhalten werden" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 5.3.2008

Graz (OTS) - Utl: Versehrte Helden: Die Opferliste mahnt den
Weltcup zur Umkehr.

Schirennläufer in diesem Land gehören nicht sich selbst, auch unbekannte nicht. Das zeigt das Schicksal des jungen Matthias Lanzinger, den ein Sturz über Nacht zum Invaliden machte. Schirennläufer sind Teil des kollektiven Gefühlshaushaltes. Die Menschen nehmen Anteil, am Triumph wie am Verhängnis. Von beidem ergreifen sie Besitz. Das Unglück geht deshalb nahe.

Es reiht sich ein in eine Serie schwerer Zwischenfälle und verdüstert den Schatten, der über dem Schirennsport liegt. Kritische Anfragen sind an ihn zu richten und an die Entwicklung, die er genommen hat. Zu viel ist passiert, um die Opferliste - von Svindal über Macartney bis Lanzinger - defätistisch hinzunehmen, als Folge individueller Fahrfehler, bedauernswerter Umstände oder systemimmanenten Risikos.

Das Risiko ist den Athleten bewusst. Sie gehen es aus freien Stücken ein. Sie wissen auch: No risk, no fun. Auf dieser Formel gründet die Geschäftsgrundlage dieses Freiluftsports und seiner Mythen. Sie nähren die Massen und die Medien. Beide tragen das Business-Modell mit, klagen, wenn das Material der Helden "zu langsam" oder die Streckenführung eines Weltcups "unwürdig" sei.

Das alles enthebt die Betreiber des circus maximus nicht der Pflicht, dem Risiko Grenzen zu setzen. In Kitzbühel, dem Stammsitz des Draufgängertums, ließ man als Tribut an die Erotik der Gefahr zusätzliche Hindernisse in die Piste einbauen, eine Kopflosigkeit mit beinah tödlichen Folgen.

Wenn man suggeriert, dass der Schirennsport ein hochprofessionelles Spektakel ist mit professionellen Gladiatoren, dann muss der Anspruch erst recht für die FIS, die Verwalter von Gefahr und Risiko, gelten. Die Pannen beim Abtransport Lanzingers in Norwegen lassen zweifeln, ob der Internationale Schiverband dieser Verantwortung gerecht wird. Es ist skandalös, dass kein Rettungs-, wohl aber ein VIP-Hubschrauber bereitstand, der erst mühsam adaptiert werden musste.

Schirennfahrer üben ihren Sport ungeschützt aus. Sie haben keine Karosserie, die sie abschirmt und kein Cockpit, das die Kräfte der Physik mindert. Der beschleunigte Körper eines Schirennläufers ist den physikalischen Gesetzen schutzlos ausgeliefert.

Umso dringlicher ist der Schutz vor Fahrlässigkeit und blindem Geschwindigkeitskult. Begabung und Können sollen über Sieg und Niederlage entscheiden, und nicht, wie viel Risiko einer nimmt.

Die Unglücksserie mahnt zur Umkehr. So verliert der Schirennsport seinen Zauber und seine Zukunft. So will niemand unterhalten werden.

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