"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Aus Fall Luca nichts gelernt" (Von MARIO ZENHÄUSERN)

Ausgabe vom 21. Februar 2008

Innsbruck (OTS) - Vor vier Monaten erschütterte der Fall Luca das Land. Der Tod des Buben, der in seinen 17 Lebensmonaten ein schier unglaubliches Martyrium mitmachen musste, deckte die Schwächen unseres Sozialsystems auf. Luca musste sterben, weil niemand die Verantwortung übernahm, ihn seinen Peinigern wegzunehmen.
Die offiziellen Reaktionen waren verhalten. In Tirol initiierte das Land Tirol schließlich einen Nachdenkprozess, der in einem neuen Beratungsmodell mündete: Experten sollen alle Eltern, egal ob Risikofamilie oder nicht, bereits in den Mutter-Eltern-Beratungen psychologisch unterstützen. Freiwillig und kostenlos. Ein positiver Ansatz, der allerdings eine große Schwachstelle hat: Um das Konzept umzusetzen, braucht es Personal.
Das Beispiel der Bezirkshauptmannschaft Schwaz zeigt, wie sehr unser System gerade in dieser Hinsicht krankt. Vier Monate nach Lucas schockierendem Tod hat sich hier nichts verändert. Die personelle Ausstattung der Jugendbehörde ist seit Jahren konstant niedrig. Gleichzeitig steigt die Zahl der Fälle, in denen Sozialarbeiter Krisenfeuerwehr spielen müssen, um Übergriffe auf Kinder zu vermeiden, von Monat zu Monat.
Das neue Beratungsmodell in allen Ehren, aber es ist ein Skandal, wenn - wie in Schwaz - fünfeinhalb Sozialarbeiter fast 1100 Kinder in familiären Notsituationen betreuen müssen. Diese Unverhältnismäßigkeit schreit geradezu nach einer personellen Aufstockung. Wer, so wie das Land Tirol, darauf nicht reagiert, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, aus dem Fall Luca nichts gelernt zu haben.

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