Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Kabinette: groß und dünn

Wien (OTS) - Österreich wird von den Kabinetten regiert. Damit
sind allerdings nicht die zu dieser Aufgabe berufenen Regierungen gemeint, sondern die Stäbe der Minister. Diese Stäbe wurden im Lauf der Jahrzehnte massiv ausgebaut. Heute hat jeder Minister beispielsweise persönliche Pressesprecher (Wiener Stadträte haben in der Regel sogar drei), während es vor Bruno Kreisky keinen einzigen gegeben hat und die Information über die Regierungspolitik über den Bundespressedienst gelaufen ist.

Die Kabinettsmitarbeiter agieren im Schatten, aus dem sie nur bisweilen durch Attacken etwa eines Herwig Haidinger herauskommen. Sie haben oft 80-Stunden-Wochen (was nach dem von den Sozialpartnern ausgeheckten Arbeitsgesetz jeden Minister strafbar macht) und gut dotierte Sonderverträge, können aber jederzeit ihren Job verlieren.

Ohne sie geht nichts: Wer zum "Chef" will, wird meist von Kabinettsmenschen abgefangen; diese koordinieren mit anderen Ministerien Ministerratsvorlagen, schreiben Reden, erledigen Akten oder Post und leiten Wünsche wie Weisungen des Ministers an die Beamten weiter, wobei sie auch oft eigene Ideen mit dem Anstrich ministerieller Autorität einfließen lassen.

Kabinettsjobs sind spannend und wichtig, man lernt mehr als bei drei MBAs. Geht man die einstigen Stäbe von Klaus, Kreisky oder Androsch durch, haben dort viele Karrieren begonnen, die an die Spitzen des Staates und der Wirtschaft führten.

Dennoch finden sich immer weniger qualifizierte Kabinettsmitarbeiter. Etablierte Beamte scheuen den enormen Arbeitsaufwand und die enge Identifizierung mit einem Chef; Politiker wieder lehnen oft Beamte ab, da diese als langsam, veränderungsscheu und problem- statt lösungsorientiert gelten. Jungen Uni-Absolventen hingegen fehlt oft Erfahrung, Sach- und Rechtskenntnis, aber auch die Motivation. Kabinettsmitarbeiter sind auch billige Zielscheiben der Medien (obwohl sie etlichen Journalisten Geheimnisse verraten haben):
Während einst die Karrieren eines Klestil, Vranitzky oder Mauhart (zu Recht) problemlos anliefen, wird heute jeder berufliche Aufstieg eines Kabinettsmitarbeiters blindlings als "Postenschacher" denunziert.

Sind aber die Kabinette immer schwächer besetzt, agiert auch die Politik immer schwächer.

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