Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Ein Volk wird frei

Wien (OTS) - Die EU hat Regeln für das Aussehen von Traktorsitzen und den Aufdruck auf Zigarettenschachteln. Auf die viel fundamentalere Frage, ob eine Volksgruppe auch das Recht hat, sich ihren Staat auszusuchen, hat Europa hingegen keine gemeinsame Antwort, geschweige denn klare und durchsetzbare Regeln, ob und wie ein solches Selbstbestimmungsrecht durchgesetzt werden könnte.

Die einen sagen Ja zu diesem Recht; denn die Entscheidung, zu welchem Staat die Bürger einer Region gehören wollen, ist die denknotwendige Voraussetzung einer echten Demokratie. Was soll es für einen Sinn haben, zwischen der Partei A und B wählen zu können, wenn man beide nur in ein fremdes oder gar verhasstes Parlament entsenden kann?

Die anderen sagen Nein zur Selbstbestimmung - etwa für den Kosovo -, weil sie fürchten, dass diese unabsehbare Beispielsfolgen für andere Regionen auslösen könnte. Sie übersehen freilich, dass dadurch die ihre Freiheit begehrenden Völker alternativlos auf den Weg der Gewalt verwiesen werden. Sie übersehen zudem, dass hinter ihrem Nein ein zynisches Menschenbild steckt, das die Einwohner gleichsam als Privateigentum einer auf Grund historischer Zufälligkeiten regierenden Zentralmacht behandelt - so wie im Feudalismus der Kauf einer Burg gleich auch den Kauf der rundum in Leibeigenschaft lebenden Bauern bedeutet hat.

Freilich: Auch wer sich auf Grund des Respekts für die menschliche Freiheit für die Selbstbestimmung ausspricht, der muss ebenso wie die Neofeudalisten immer für ein ausgefeiltes Minderheiten-Schutzsystem eintreten. Denn ethnisch "reine" Staaten kann und soll es nie geben.

Bei aller Freude darüber, dass die Kosovo-Albaner endlich ihre verdiente (wenngleich die EU wieder einmal in schwere Turbulenzen stürzende) Unabhängigkeit haben, so darf man etwas nicht verschweigen: Der Kosovo war einst von Serben bewohnt. Zuwanderung, Familienzusammenführung und unterschiedliche Geburtenfreudigkeit haben den legitimen Herrschafts-Anspruch der Serben in einen ebenso legitimen der Albaner verwandelt. Alles Phänomene, die uns aus ganz anderen Regionen Europas durchaus bekannt sind. Nur sind dort die Folgen noch unbekannt.

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