Immerhin ist dort jemand

"Presse"-Leitartikel von Michael Fleischhacker

Wien (OTS) - Sogar der abgeklärte Absolutismus eines Erwin Pröll erscheint derzeit attraktiver als Gusis Gruseltruppe.

Wer Sonntagabend nichts Besseres zu tun hatte, als sich von der Hoffnungslosigkeit der Zustände im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu überzeugen, wurde nicht enttäuscht: Man hatte den oberösterreichischen Vizelandeshauptmann Erich Haider, den Tiroler Amtsinhaber Herwig van Staa und eine aus guten Gründen weitgehend unbekannte Meinungsforscherin eingeladen, um über ein besonders aufregendes Thema zu diskutieren: "Koalition im Dauerstress -arbeiten oder weiterwursteln?"
Leid mussten einem an diesem Abend die beiden ebenfalls eingeladenen Journalistinnen tun: Anneliese Rohrer und "Spiegel"-Korrespondentin Marion Kraske standen mit ihrem Vorhaben, in ganzen Sätzen nachvollziehbare Fragestellungen zu erörtern, ziemlich allein da. (Andererseits hatten die beiden auch wieder Glück: Wäre es ein "Club 2" gewesen, hätte man ihnen wahrscheinlich Fred Sinowatz, Josef Hickersberger und Udo Jürgens als Gesprächspartner in den Fauteuil gewuchtet.)
Jedenfalls, ganze Sätze und nachvollziehbare Fragestellungen spielt es mit Erich Haider nicht. "Nur der Haider ist Platter", sagen wir immer, wenn wir jemanden auf der nach unten offenen Populismusskala einzuordnen versuchen. Nimmt man die zwischen "entspannt" und "schläfrig" pendelnde Teilanwesenheit des Tiroler Landeshauptmannes dazu, so musste man den Sendungsverantwortlichen immerhin zugutehalten, dass ihnen wieder einmal etwas total Öffentlich-Rechtliches gelungen ist: Der Zuseher wurde mit zwei Fleisch gewordenen Argumenten für die Abschaffung der Bundesländer, für die Einführung des Mehrheitswahlrechts und für die Etablierung bindender Integrationsvereinbarungen für Regierungsmitglieder (Sprache, Kenntnis der politischen Grundrechnungsarten, Verständnis für Geschichte und Kultur des Landes) konfrontiert.
Das tut weh, aber es ist vielleicht ein heilsamer Schmerz.

Alles, was man derzeit in diesem Land an politischen Akteuren und Aktionen zu sehen bekommt, tut weh. In einer solchen Situation besteht die Gefahr, dass man für eine zeitweilige Linderung seiner Schmerzen bereit wäre, Dinge zu tun, die man nicht für möglich gehalten hätte. Erwin Prölls abgeklärten Absolutismus für zeitgemäß halten. Zum Beispiel. Gegen Gusis Gruseltruppe, der aus irgendeinem Grund, den wir nicht kennen, noch immer kein Gericht die Führung des Titels "Bundesregierung" untersagt hat, macht sich der neuerdings parteilose niederösterreichische Landeshauptmann samt seinem Hofstaat richtig sympathisch aus. Nicht, dass man gerne ein Niederösterreicher wäre, der gerade des Landesverrats geziehen wird, weil es ihm an der angemessenen Jubelbereitschaft gebricht. Wer jemals, sozusagen aus erstem Mund, die Formel "Wer den Landeshauptmann angreift, greift das Land an - und das Land wird zurückschlagen" gehört hat, macht sich da keine Illusionen.
Aber angesichts der Unfähigkeit der Regierung Gusenbauer/Molterer, irgendetwas zustande zu bringen, das man mit dem Begriff "Regieren" in Verbindung bringen könnte, kann man sich einen gewissen Respekt vor den Ergebnissen der niederösterreichischen Mischung aus Agrarbasisdemokratie und Gottkönigtum nicht versagen: Das Land könnte schlechter dastehen.

Das kann man über die Republik und ihre Lenker nicht wirklich behaupten. Was muss man über Alfred Gusenbauer noch sagen, außer dass jemand wie Erich Haider länger als zwei Sekunden ungestraft das Gefühl haben kann, den Kanzler vor sich hergetrieben zu haben? Darin liegt nicht zuletzt das Risiko dieser Kabinett gewordenen Niederlage: dass man einige Dinge, die man im 21. Jahrhundert eigentlich nicht mehr für möglich halten möchte, zu akzeptieren beginnt. Zum Beispiel den machtbesoffenen Blick eines durchschnittlichen niederösterreichischen ÖVPlers auf die Welt im Allgemeinen, auf Niederösterreich im Besonderen und das Innenministerium im Speziellen. Oder die vollkommen ideenfreien Stellungnahmen von Landespolitikern der Größenordnung Burgstaller/Voves, die zumindest ein physisches Anwesenheitskontinuum erahnen lassen. Oder die Sozialpartner, die sehr glaubhaft den Eindruck vermitteln, dass sie die Fragen, die sie falsch beantworten, wenigstens richtig verstanden haben.
Österreich schaut derzeit gebannt nach Niederösterreich. Das ist schwer in Ordnung: Immerhin ist dort jemand.

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