WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Steueroasen und andere Prügelknaben - von Esther Mitterstieler

Betrug im Blut also? Ganz so einfach ist es nicht

Wien (OTS) - Jetzt regt sich das Aktionärsvolk - und nicht nur das - so richtig auf. Was wir immer schon geahnt haben, ist wieder einmal passiert: Die da oben regieren und kassieren, und wir da unten können uns nur wundern. Ganz so einfach ist es aber nicht. Die jetzt stattfindende Steuer-Razzia gegen deutsche Steuerhinterzieher -Post-Chef Zumwinkel hat anscheinend sehr viele Nachahmer - zeigt den aktuellen Zustand europaweiter Hilflosigkeit bei grenzüberschreitender Steuerhandhabe. Da gibt es die Staaten, die mit Bankgeheimnis und lukrativen Stiftungsbesteuerungen punkten, auch Österreich gehört dazu. Liechtenstein und die Schweiz sind noch beliebter, weil hier die in anderen Staaten erwirtschafteten Gelder besonders steuerschonend angelegt werden können. Jetzt mag man darüber
diskutieren, wie klug es war, einigen Ländern ihre steuerlichen Sonderwünsche durchgehen zu lassen. Hier geht es aber um mehr: Jetzt wird also Liechtenstein wieder mit seinem Ruf als undurchsichtige Steueroase fertig werden müssen. Die von den bösen Finanzern der umliegenden Länder uneinnehmbare Bastion wird es dennoch bleiben, wenn das System so bleibt, wie es ist. Das ist aber nur eine Seite der Medaille.

Schliesslich muss man sich ansehen, wer da agiert: Es sind Top-Manager, die viel Geld verdienen. Sie haben zwar im Kopf, das Geld ihres Unternehmens und damit des Aktionärs zu vermehren. Vor allem aber wollen sie ihr eigenes Geldbörserl vor zu harten Zugriffen der Finanz schonen. So kommt das in der Öffentlichkeit rüber. Diese schlimmen Burschen bekommen ja trotz Millionengagen den Hals noch immer nicht voll genug. Und: Sie betrachten es quasi als angestammtes Recht, weniger Steuern zu zahlen als andere. Oder genauer: Solche Steuern, die gezahlt werden müssen, eben zu hinterziehen. Betrug im Blut also? Nein, das ist lächerlich und banal. Aber das System ist faul. Wo waren hier eigentlich die Prüfer? Warum werden da nicht öfter bei begründetem Verdacht ein paar Konten durchleuchtet? Das verträgt sich übrigens mit dem Bankgeheimnis. Wer glaubt, dass sich nach der Zumwinkel-Razzia viel ändern wird, irrt. Das geht schon allein aus dem System heraus nicht. Auch als im Fall Amis festgestellt wurde, dass Gelder nach Zypern flossen, wurde nicht weiter geprüft. Wozu haben wir eigentlich Rechtshilfeabkommen, wenn es dann zu viel ist, ein paar Leute in so einer Causa abzustellen? Es stimmt schon: Der Mensch ist gierig. Und je mehr er hat, umso mehr will er. Banal, aber wohl wahr. Das System kann man ändern, mit der Gier ist es wohl komplizierter.

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