"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Subventionierte Zugvögel" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 15.02.2008

Wien (OTS) - Auf dem Weg zur Gewinnmaximierung räumt der finnische Handyhersteller Nokia alle Stolpersteine aus dem Weg. Produziert wird dort, wo die Löhne niedrig und die Subventionen hoch sind.
Um keine Missverständnisse über die Konzernstrategie aufkommen zu lassen, hat Nokia diese Woche demonstrativ sein neues Werk in Rumänien eröffnet. 1200 neue Jobs entstehen dort, die Löhne liegen mit 219 Euro monatlich noch unter dem ohnehin bescheidenen rumänischen Durchschnitt. Dafür gibt es 30 Jahre lang staatliche Steuererleichterungen.
Den Preis zahlen die 2300 Angestellten des Nokia-Werks in Bochum. Sie werden arbeitslos, weil Nokia das mitten im wirtschaftlich schwachbrüstigen Ruhrgebiet gelegene Werk schließt. Maschinen und Arbeitsplätze übersiedeln nach Rumänien. In Nordrhein-Westfalen überlegt man jetzt, ob sich die 61 Millionen Euro ausgezahlt haben, die das Land dem Konzern "zur Förderung der regionalen Wirtschaftsstruktur" in den Jahren 1998 und 1999 in den Rachen geworfen hat.
Der Katzenjammer kommt zu spät. Selbst wenn die Rückforderung von 41 Millionen Euro Erfolg haben sollte: Jeder einzelne Euro wäre sinnvoller in die Verbesserung der Infrastruktur und in Bildungseinrichtungen geflossen.
Nokia jetzt Vorwürfe zu machen, ist scheinheilig. Der Konzern hat sich in Bochum wegen des Geldgeschenks aus Landesmitteln angesiedelt. Jetzt zieht er weiter, weil es anderswo neue Subventionen und dazu Niedrigstlöhne gibt. Er wird sich auch aus Rumänien verabschieden, sobald es der Rechenstift befiehlt.
Europa im Allgemeinen und Österreich im Besonderen müssen sich fragen, ob staatliche Subventionen - in welcher direkten oder indirekten Form auch immer - für Billigarbeitsplätze sinnvoll sein können. Ein Verzicht auf solche Arbeitsplätze bedeutet allerdings auch zwangsläufig Arbeitslosigkeit für Menschen mit schlechter Ausbildung. Hier wird künftig das Sozialsystem gefragt sein. Die Wirtschaftspolitik kann mit der Subvention von Arbeitsplätzen in Hochlohn- und Hochpreisländern den sozialen Ausgleich nicht bewerkstelligen.
Auf Dauer wird sich allerdings auch die Frage stellen, ob ständige Betriebsverlagerungen die Rentabilität eines Konzerns wirklich nachhaltig steigern. Für das Zusammenschrauben von Billighandys mag das zutreffen; sobald das Eingehen auf Kundenwünsche, Service und Dienstleistungen dazu kommen, könnte die Rechnung bald anders aussehen. Schon werben selbst Hersteller von Massenprodukten wieder damit, bei Rückfragen oder der Notwendigkeit von Reparaturen zumindest im Heimatland des Anrufers, wenn schon nicht tatsächlich "vor Ort" erreichbar zu sein.
Letztlich wird es aber auch vom Konsumenten selbst abhängen, wie die Zukunft aussieht: Ständig nach Billigstprodukten und Schnäppchen zu rufen, aber die Abwanderung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer zu beklagen, ist unvereinbar und geradezu krankhaft. Es gibt keinen Grund, Zugvögel wie Nokia und die Schizophrenie der Konsumenten durch staatliche Subventionen oder durch EU-Gelder auch noch zu fördern.

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