"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Halley'sche Komet oder warum wir uns erinnern" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 13.02.2008

Graz (OTS) - Jahrestage einschneidender Ereignisse sind wie der Halley'sche Komet. Sie ziehen in berechenbaren Abständen wieder an uns vorbei. Nur wir, die Erinnernden, haben uns inzwischen verändert, sind älter geworden, vielleicht auch gescheiter. Das Ereignis bleibt dasselbe, die Erinnerung daran verändert sich mit dem zeitlichen Abstand.

An keinem Ereignis lässt sich das besser beobachten als an den Jahren der Nazi-Diktatur. Mit jedem Dezennium rücken die Schreckensjahre tiefer ins Dunkel der Geschichte. Immer weniger werden die Zeitzeugen, die noch berichten können von damals, als Täter oder Opfer. Literaten springen ein und erfinden, was nicht mehr erinnert werden kann. Im Kino blüht das Dritte Reich, als hätte es nie einen D-Day gegeben, und die letzten SS-Männer zwingen sich ein spätes Bedauern über ihre Mitgliedschaft beim blutigen Männerbund ab.

Wirklich aufregen kann das alles nicht mehr. Selbst das Gezeter um Günther Grass und seine juvenile SS-Mitgliedschaft gehört eher ins Kapitel Marketing als ins Fach Aufklärung. Zu klären gab es längst nichts mehr. Selbst das Geständnis war, wie sich zeigte, schon der zweite Aufguss. Die Empörung wirkte entsprechend ritualisiert. Der Feind ist tot. Die Heroisierung der Tyrannei bleibt ein paar Verbohrten vorbehalten, die umso skurriler wirken, je weiter die Ereignisse zurückliegen und je mehr darüber bekannt ist.

Trotzdem ist es mehr als nur ein Ritual, wenn auch wir uns ausführlich dem Gedenkjahr widmen werden. Kein Ereignis der jüngeren Geschichte hat Europa tiefer und nachhaltiger geprägt. Die Europäische Union gäbe es nicht ohne die Erfahrung jener Jahre.

Österreich, der kleine Rest der Donau-Monarchie, hat erst nach dem Trauma der NS-Diktatur die Vorzüge der Eigenstaatlichkeit erkannt. Debatten über die Österreichische Identität, einst publizistische Dauerbrenner, wirken heute befremdlich. Wir wissen, wer wir sind oder fragen nicht mehr danach. So sicher sind wir, dass manche demokratische Errungenschaft wieder fahrlässig gefährdet scheint. Bezug zu nehmen auf den dunklen Hintergrund unseres Landes dient also auch dessen Erneuerung.

Ab heute an drucken wir auf dieser Seite täglich Auszüge aus der Kleinen Zeitung, wie sie vor siebzig Jahren erschienen ist:
Politische Meldungen, aber auch Nachrichten aus dem Alltagsleben, die uns helfen zu verstehen, wie die Menschen damals gelebt und gedacht haben. Dem Ende Österreichs 1938 widmet sich im März eine Serie. Neues vom Halley'schen Kometen. ****

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