Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

EUnuchen

Wien (OTS) - Überraschung, Überraschung: Die Minister Faymann und Pröll haben nicht nur die seit langem erste gemeinsame Stellungnahme der Koalition in einer wichtigen Frage zusammengebracht. Sie haben dabei auch alles Wesentliche rund um die Vorwürfe gegen das Innenministerium gesagt: Diese seien restlos, seriös sowie sachlich und vor allem durch die unabhängige Justiz zu prüfen; diese Prüfung dürfe aber nicht in einen Dauerstreit ausarten und die Regierungsarbeit behindern.

Unausgesprochen haben sie damit auch gesagt: Ein neue Lähmung durch eine U-Ausschuss genannte Peter-Pilz-Show kann sich die Republik nicht mehr leisten, SPÖ und ÖVP schon gar nicht.

Mehr ist nicht zu sagen - außer der Frage, warum solche Worte nicht schon längst von der Koalitionsspitze selbst zu hören gewesen sind.

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Apropos: Schmerzhafter Mangel an politischer Führung und klaren strategischen Zielen ist nicht nur ein österreichisches Problem. Die Europäische Union - und damit freilich auch wieder Österreich -leidet noch viel mehr darunter. Wie der Fall Tschad gerade exemplarisch zeigt. Auch die (vielleicht) kommende Verfassung, die (vielleicht) doch nur ein "Vertrag" ist, wird da keine Abhilfe schaffen.

In der gesamten Weltgeschichte ist wohl noch nie eine Möchtegern-Großmacht, die sogar die stärkste globale Wirtschaftskraft sein will, binnen weniger Tage von ein paar Banden so peinlich vorgeführt und bis auf die Knochen blamiert worden. Schuld daran tragen nicht die in den Tschad entsandten österreichischen Bierbäuche, sondern Dumm- und Ahnungslosigkeit der Union.

Sie hat vergessen, dass jedes Heer vor allem eine zu raschen Entscheidungen fähige politische Führung braucht - die es nicht gibt. Sie hat vergessen, dass jede militärische Aktion klar definierte strategische Ziele braucht - die es nicht gibt. Sie hat vergessen, dass Neutralität zwar für Kleinstaaten an der Frontlinie zwischen zwei Großen bisweilen ein Rezept sein kann, dass aber eine neutrale Großmacht ein lächerlicher Widerspruch in sich ist.

Und dieses EUnuchentum wird dem staunenden Kontinent zu einem Zeitpunkt vorgeführt, da in 27 Ländern um ein Ja zu einem neuen EU-Vertrag gerungen wird. Dümmer gehts nimmer.

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