WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Damit wir nicht alle den Glauben verlieren - von Alexis Johann

Vielleicht wird Natascha Kampusch wieder unterschätzt

Wien (OTS) - Natascha Kampusch hat also etwas verwechselt: die getrennten Gewalten des Staates. Sie habe das Vertrauen in die Justiz verloren, sagte sie zum ORF. Es wird wenige geben, die solche Worte aufgrund ihres jahrelangen Martyriums nicht nachvollziehen können. Kampusch konnte gefangen gehalten werden, weil Menschen nicht ordentlich gearbeitet haben. Österreichs Richtervereinigung wehrt sich gegen den pauschalen Vorwurf. Im Fall Kampusch habe die Justiz -soweit sie bisher überhaupt befasst wurde - "unverzüglich entsprechend der Sachlage entschieden". Die Fehler seien der Exekutive unterlaufen, der ORF habe bei der Ausstrahlung eines Interviews die Pflicht, auf solche Fehler hinzuweisen. Stimmt, wir haben in Österreich ein funktionierendes Rechtssystem, die Bürger und Unternehmen kommen schneller zu ihrem Verfahren als etwa in Deutschland.

Vielleicht wird Kampusch allerdings schon wieder unterschätzt und sie wollte genau das sagen, was sie sagte. Denn die Aufdeckungen von Herwig Haidinger, dem ehemaligen Leiter des Bundeskriminalamtes, gehen weit über Verfehlungen der Exekutive hinaus. So seine Aussagen stimmen, gab er sein Material bereits im Jahr 2004 polizeiintern zur Anzeige, im Sommer 2007 an die Justiz. Passiert ist seither nichts. Die Anzeigen im Polizeiapparat versiegten aufgrund von Problemen, die jetzt genau das Thema sind. Die Anzeigen bei der Justiz landeten bei Staatsanwalt Georg Krakow, einem tadellosen, hervorragenden Fachmann auf seinem Gebiet.

Allein, Staatsanwalt Krakow ist derzeit mit dem Fall Bawag mehr als ausgelastet - und sollte er diesen Prozess jemals zu den Akten legen können, warten weitere Regalmeter Ordner auf ihn. Schliesslich gibt es eine Reihe von Verfahren, die aufgrund des medialen Drucks beim Bawag-Fall nicht bearbeitet werden. Erinnern Sie sich noch an die Pleite der Internetfirma Yline im Jahr 2001? Erinnern Sie sich noch an die Pleite der Firma Libro? Die Liste unaufgearbeiteter Wirtschaftspleiten mit mutmasslichem kriminellen Hintergrund ist lang. Gibt es nur einen Staatsanwalt, dem das zuzutrauen ist? Je mehr Wasser in der Zwischenzeit die Donau hinabfliesst, desto angenehmer ist die Sache für die Beschuldigten. Die Rekonstruktion der Tatbestände wird schwieriger, die Liste der Zeugen kleiner, das Erinnerungsvermögen nimmt ab. Es mangelt nicht nur an Staatsanwälten, sondern auch an Richtern, Gutachtern und ermittelnden Beamten. Ein Justizsystem kostet etwas, sonst ergreift uns alle der Zweifel.

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