"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Versagen der europäischen Schutzmacht im Tschad" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 12.02.2008

Wien (OTS) - Das Schlamassel, in dem die Europäische Union im Tschad gegenwärtig knöcheltief steckt, hat sie sich großteils selber zuzuschreiben. Schon die Vorbereitung des Einsatzes war dilettantisch, der Auftakt ausgerechnet bei Ausbruch der Rebellenoffensive dann ein logistisches Debakel.

Als größtes Problem erweist sich mit zunehmender Beschleunigung der Ereignisse nun aber die undurchsichtige Doppelrolle Frankreichs als langjährige Bürgerkriegspartei im Tschad und zugleich treibende Kraft hinter dem Eufor-Einsatz. Sie hat die Rebellen jetzt dazu veranlasst, die EU vor der Entsendung weiterer Truppen zu warnen.

Solche Drohungen sind nicht neu. Es war absehbar, dass die Aufständischen die Neutralität der Europäer nicht anerkennen würden. Hinter ihnen steht das verbrecherische Regime im Sudan, das seit Jahren das Morden in Darfur dreist leugnet und ein internationales Eingreifen um jeden Preis verhindern möchte.

Andererseits macht die Europäische Union es den Rebellen aber auch leicht, den Vorwurf der Parteilichkeit zu erheben.

An Stimmen, die davor warnten, dass es der europäischen Schutzmission an Eindeutigkeit fehle, hat es von Anfang an wahrlich nicht gefehlt. Der Verdacht, Paris brauche nur ein europäisches Mäntelchen, um seine eigenen Interessen in Tschad zu verhüllen, gab auch den Ausschlag dafür, dass Deutschland, Großbritannien und Italien keine Soldaten in den Tschad schickten.

Der bisherige Gang der Dinge scheint diese Befürchtungen eher zu bestätigen als zu widerlegen. So soll Paris seinem Günstling, Tschads Machthaber Idriss Déby, 16 Tonnen Munition geliefert und direkt in die Kämpfe um die Hauptstadt N'Djamena eingegriffen haben. Das berichteten nicht etwa die Rebellen sondern französische Tageszeitungen.

Für die EU-Mission in Afrika ist das undurchschaubare Doppelspiel der Franzosen fatal. Schließlich hängt der Erfolg des Unternehmens davon ab, ob es den Europäern gelingt, über jeden Verdacht neokolonialer Umtriebe am Schwarzen Kontinent erhaben zu sein.

Jede Menge gute Gründe für ein Engagement im Tschad gibt es nach wie vor. Der wichtigste Grund ist die katastrophale humanitäre Lage im Osten des Landes. Gäbe die Europäische Union jetzt klein bei, würde sie nicht nur ihre Glaubwürdigkeit in Afrika verspielen, sondern auch Leben und Gesundheit von hunderttausenden Flüchtlinge aus Darfur gefährden, denen sie Schutz versprochen hat.

Gelingt es der EU nicht, die jetzige Schieflage schleunigst zu begradigen, ist ihr im Tschad allerdings die Pleite sicher. ****

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