WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Gasstreit: Nicht alle Eier in einen Korb - von Herbert Geyer

Europa braucht in der Energieversorgung mehr Unabhängigkeit

Wien (OTS) - Natürlich wird jetzt von allen Seiten kräftig beschwichtigt: Die Erdgasreserven in Europa würden für "viele Monate" reichen, ausserdem sei trotz des Gasstreits zwischen Russland und der Ukraine nicht mit Einschränkungen der Lieferungen nach dem Westen zu rechnen.

Ersteres beruhigt. Sich auf Letzteres zu verlassen wäre leichtfertig:
Als Russland den Ukrainern vor zwei Jahren schon einmal den Gashahn zudrehte, hielten sich diese aus den Transitleitungen nach Westen schadlos. Entsprechend weniger Gas kam durch.

Ausserdem garantiert niemand, dass nicht das Ziel der russischen Blockadepolitik das nächste Mal der Westen selbst sein könnte. Denn die jüngere Geschichte lehrt, dass das pünktliche Bezahlen von Rechnungen keineswegs ein Garant für kontinuierliche Lieferung ist. Moskau dreht manchmal auch aus rein politischen Gründen am Gas- oder Ölhahn: Seit vor bald zwei Jahren Litauen seine Raffinerie Mazeikiu nicht an die russische Lukoil, sondern an die polnische PKN Orlen verkaufte, legt ein mysteriöser technischer Defekt die Ölleitung zu dem Werk lahm, es muss teuer aus Tankern versorgt werden. Und als vor einem Jahr der estnisch-russische Denkmalstreit seinen Höhepunkt erreichte, weiteten sich die technischen Schwierigkeiten auch auf die Eisenbahn aus, die Estland mit Öl versorgt. Auch ein Streit zwischen Weissrussland und Russland im Vorjahr liess die Öllieferungen nach Westen vorübergehend versiegen.

Die Abhängigkeit Europas von russischen Energielieferungen sei gegenseitig, beruhigen westliche Experten: Russland könne sich einen Boykott seiner westlichen Kunden schlicht nicht leisten. Und es fehle dort auch an Lagerkapazitäten für das laufend geförderte Gas: Schon nach ein paar Tagen könne Russland sein Gas nur noch abfackeln, wenn es nicht liefern wolle.

Nach dieser Argumentation hätte es allerdings auch noch nie einen Streik gegeben - jeder streikende Arbeiter weiss, dass er mit seinem Ausstand an dem Ast sägt, auf dem er sitzt, indem er Werte seines Unternehmens vernichtet.

Allen Beteuerungen zum Trotz bleibt uns nur eines: Wir dürfen nicht alle Eier in einen Korb legen. Europa muss in seiner Energieversorgung auf mehr Diversifizierung achten - mehr einheimische, nachwachsende Energie, mehr unabhängige Lieferanten, aber auch mehr unabhängige Lieferwege.

Damit uns das Drehen an irgendwelchen Öl- oder Gashähnen auch wirklich kalt lassen kann.

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