US-Getreidenotierungen erreichen wegen knapper Versorgung Höchststände

Wilkinson: Konsument sollte bei funktionierendem Markt von Agrarpreisen wenig spüren

Helsinki/Minneapolis/Wien (AIZ) - Die Getreidenotierungen an den US-Terminbörsen erreichten vorige Woche nach dem Abschluss im Limit up (maximal möglicher Kursanstieg an einem Handelstag) an fünf aufeinanderfolgenden Handelstagen historische Höchststände. Die europäische Leitbörse MATIF in Paris schloss sich mit einem Fünf-Monats-Hoch des März-Futures für Weizen von über EUR 280,- pro t (plus EUR 30,- pro t beziehungsweise 13% binnen fünf Handelstagen) an und setzte im Montag-Vormittagshandel die Rallye Richtung historischer Höchstwerte fort. Treibendes Moment ist die knappe Versorgungslage mit hochwertigem Brotweizen auf den physischen Märkten. Das US-Landwirtschaftsministerium USDA reduzierte am Freitag in seiner monatlichen Getreidebilanz-Prognose wegen stetig wachsender Nachfrage der Weizenimportländer die voraussichtlichen Weizenendlager der USA zum Ende der Saison 2007/08 (30.06.2008) auf ein Sechzigjahres-Tief und die globalen Weizenendbestände gegenüber der Jänner-Prognose um weitere 1,2 Mio. t auf 109,7 Mio. t. Gleichzeitig beruhigte der Präsident des Welt-Landwirteverbandes IFAP, der kanadische Farmer Jack Wilkinson, laut einem Bericht von Reuters vorigen Freitag bei einem Besuch in Finnland in der Debatte um steigende Lebensmittemittelpreise. Es bestehe kein "Grund zur Panik", so Wilkinson, "vernünftiges Wetter rund um die Welt vorausgesetzt, werden wir in ein oder zwei Jahren bei Getreide und Ölsaaten auf ein neues Preisniveau zurückfallen, das zwar über dem der vergangenen fünf Jahre zu liegen kommen wird, aber auch spürbar unter dem derzeitigen".

Höhere Limits up und initial margins: Sicherung physischer Preise und Spekulationsbremse

Alle drei US-Terminbörsen für Getreide, die MGE (Minneapolis Grain Exchange), KCBT (Kansas City Board of Trade) und CBOT (Chicago Board of Trade), verdoppelten daraufhin am vergangenen Freitag den Spielraum für tägliche Kurssteigerungen, indem sie das Limit up ab dem heutigen Handelstag von 30 US-Cent (EUR 0,20) pro bushel Weizen (27,2155 kg, das heißt EUR 7,35 pro t) auf 60 US-Cent (EUR 14,70 pro t) hinaufsetzten und gleichzeitig die "initial margins" (Ersteinschuss von den Handelsbeteiligten als Sicherheitsleistung über die Ernsthaftigkeit ihres Engagements) um gut die Hälfte bis auf mehr als das Doppelte erhöhten. Die US-Terminbörsen wollen mit der Ausweitung des Rahmens für die Volatilität der Kurse zum einen den Marktteilnehmern am Realtausch mit physischer Ware das Hedgen (Absichern) ihrer Preispositionen bei galoppierenden Preisen am Kassamarkt erleichtern und gleichzeitig durch die drastisch erhöhten "Wetteinsätze" der zu hinterlegenden initial margins das spekulative Moment durch branchenfremde Investoren im Terminhandel bremsen.

Wilkinson: Konsument sollte bei funktionierendem Markt von Agrarpreisen wenig spüren

Die jüngsten Preissprünge seien laut IFAP-Chef Wilkinson die Folge der Sorge um eine äußerst enge Versorgungslage, aber die Landwirte würden angesichts der motivierenden Produkterlöse aus unternehmerischem Denken diese Lücken bald wieder schließen, indem sie die Produktion steigerten. Wilkinson rief die hochentwickelten Volkswirtschaften gleichzeitig dazu auf, genau zu beobachten, wie sich der Anstieg der Getreidepreise in den Verbraucherpreisen für Lebensmittel niederschlage, denn "selbst mit diesen höheren Preisen für agrarische Rohstoffe sollte der städtische Konsument, so die Märkte richtig funktionieren, dies nur mit einem moderaten Zuwachs der Verbraucherpreise zu spüren bekommen". Doch einige Beteiligte der Lebensmittelkette würden die gestiegenen Rohstoffpreise als Gelegenheit dazu benützen, "damit andere Zusatzkosten, die sie am Markt in den Preisen abwälzen wollen, zu übertünchen".

Appell an Entwicklungsländer: Anreiz der Agrarpreise für Selbstversorgung nutzen

Wilkinson fügte hinzu, die Gelegenheit attraktiver Erzeugerpreise für die Ausweitung der Produktion sollte aber nicht nur von den Landwirten in den hochentwickelten Staaten ergriffen werden, sondern vor allem von den Entwicklungsländern zur Reduzierung ihrer Importabhängigkeit bei Grundnahrungsmitteln. "Die Regierungen der Entwicklungsländer sollten jetzt mit den Landwirten zusammenarbeiten und die hohen Preise als Anreiz nutzen, die Produktion zu steigern, um den lokalen Bedarf zu decken, die Abhängigkeit von Importen zu verringern und die Bauern sogar einen Gewinn daraus machen zu lassen." Wenn diese Regierungen eine derart vernünftige Politik einschlügen, "wäre es das erste Mal seit vielen Jahren, dass die Kleinbauern in diesen Ländern Preise vor Augen haben, die es sinnvoll erscheinen lassen, mehr Getreide zu erzeugen", sagte Wilkinson. Diese Regierungen wären gut beraten, sich umzusehen, was die Bauern in den ländlichen Regionen für ihre Länder tun könnten, anstatt zuzulassen, "dass Ökonomen ihnen weiterhin einzureden versuchen, riesige Industriekomplexe in den Städten aus dem Boden zu stampfen und dort alle jene Bauern anzuheuern, die den ländlichen Raum verlassen haben, weil für sie nichts zu holen ist".

Laut Wilkinson hätte nämlich nur eine ganz geringe Anzahl von Ländern nicht die Ressourcen Lebensmittel für den Eigenbedarf zu erzeugen, in den meisten Fällen sei aber eine schlechte Politik daran schuld, dass die Agrarproduktion nicht ausreiche. Der IFAP-Präsident zitierte Sambia als Beispiel. Hier verbot die Regierung den Export von Agrargütern, um die Eigenversorgung zu sichern, zerstörte damit aber alle Anreize, überhaupt landwirtschaftliche Produkte anzubauen. "Kurzfristig wirk dieses Instrument, aber es drückt gleichzeitig auch die Erzeugerpreise für die Landwirte, sodass der Anreiz für die Bauern verloren geht, in der Aussicht steigender Preise mehr anzubauen."
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