"Kleine Zeitung" Kommentar: "Hurra, wir haben verloren und dürfen Außenseiter bleiben" (von Achim Schneyder)

Ausgabe vom 08.02.2008

Graz (OTS) - Man kann so verlieren, man kann aber auch so
verlieren. Man kann hilflos über einen Fußballplatz irren, mit 0:3 unter die Räder kommen, damit noch gut bedient sein und bei Medien, Fans und anderen (selbst ernannten) Experten endgültig jeglichen Kredit verspielen. Man kann aber durchaus auch erhobenen Hauptes in ein 0:3 stürmen und einen neuen damit aufnehmen.

So geschehen am Mittwochabend im eher alten denn ehrwürdigen Happel-Stadion zu Wien. Dort ist es einer äußerst leidenschaftlich, ergo äußerst unösterreichisch aufgeigenden österreichischen Mannschaft gelungen, knapp 50.000 Fans phasenweise in Ekstase zu versetzen. Und den Gegner, keinen Geringeren als den dreifachen Welt-und dreifachen Europameister Deutschland, in momentane Ratlosigkeit.

Und schwupp, so schnell kann's gehen in diesem Land, fürchtet sich kaum noch einer vor der Euro, die im Juni in Österreich und in der Schweiz über den Rasen rollt, und davor, dass Rot-Weiß-Rot dabei grün und blau geprügelt wird.

Im Vorfeld dieses 0:3 hatte der sonst stets wohl überlegte Josef Hickersberger, Teamchef seines Zeichens, einen Satz gesagt, der ihm zwischenzeitlich recht übel genommen wurde. Sinngemäß hieß es da, ein Sieg wäre denkbar schlecht, da der Österreicher seiner Mentalität entsprechend das Team dann sogleich zum engsten Kreis der Favoriten zählen würde.

"Ungeschickt formuliert" will er diesen Satz haben. Mag sein, aber er stimmt. Denn so wankelmütig wie der gelernte Österreicher ist, wäre ihm der 180-Grad-Sinneswandel durchaus zuzutrauen gewesen.

So aber kann der Teamchef auch Kritik an seiner Truppe üben, die er sich bei einem gar nicht einmal so abwegigen 3:0 vermutlich aus den Fingern hätte saugen müssen. Kritik üben und Sätze sagen wie "Komplimente bringen uns nicht weiter, nur harte Arbeit", "Von Euphorie sind wir noch weit entfernt", "Wir haben nicht das Glück gehabt, das wir bei der Euro brauchen", "Bei der Euro geht die Post erst wirklich ab" oder "Wir wollen Außenseiter bleiben".

Natürlich bleiben wir das. Nicht nur bei der Euro, auch schon am 26. März gegen den kommenden Testspielgegner Niederlande.

Vor dieser Partie wird Josef Hickersberger sicherlich nicht in aller Öffentlichkeit sagen, dass ihm ein Sieg gar nicht so recht und eine starke Leistung und ein Remis lieber wären.

Aber denken, denken wird er ihn sich vermutlich.

Und womit? Mit Recht. Damit wir erst bei der Euro der Nicht-Favoritenrolle endgültig nicht gerecht werden. ****

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