Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Wiener Seltsamkeiten

Wien (OTS) - Es ist schon erstaunlich, wie schlecht Wien auf die Fußball-Euro vorbereitet ist. Ein Stadion ohne brauchbare Wegweiser-und Leitsysteme für Zigtausende abströmende Fans fremder Herkunft; ein Verkehrskollaps schon bei einem nicht ausverkauften Spiel; Tausende, die im Dunkeln Richtung Donaukanal stolpern. Diesen üblen Eindruck wird auch eine (hoffentlich) in letzter Minute anrollende U-Bahn nicht völlig eliminieren können.

Am schlimmsten aber sind unsere Fans: Sie glauben offenbar, die mangelnden Erfolge der Spieler durch Pfeifkonzerte bei "fremden" Hymnen kompensieren zu können (im Fall Deutschland ist die ja gar nicht so fremd, sondern eher ein Fall von "Hostile takeover"). Wer sich nicht benehmen kann, sollte nicht den ganzen Kontinent zu sich laden.

*

Das Niveau der kommunalen Politik hat dieser Tage auch die grüne Maria Vassilakou demonstriert. Anlass war das Thema City-Maut, also die Einhebung einer Abgabe für jedes nach Wien kommende Auto. Worüber man sicher diskutieren kann (und soll). Nur eines kann man nicht ernsthaft behaupten: dass dies der Wirtschaft Wiens gut täte. Wenn halb Mitteleuropa vor der Wahl zwischen mautfreien Shopping-Cities und einem maut- und parkspesenpflichtigen Wien steht, dann ist das Ergebnis eindeutig. Aber die Grünen taten sich halt schon immer schwer mit der ökonomischen Logik.

*

In Deutschland, dem Weltmeister in Sachen Mitbestimmung, hat nun die am Eigentum beteiligte Belegschaft des "Spiegel" den Herausgeber hinausgeworfen. Ihre Sache. Aber auch den Leser schmerzt das mangels Alternativen: Denn der "Spiegel" war nie so gut wie in den letzten Jahren.

*

Apropos deutsche Medien: Dass nun sogar das Zentralorgan aller Tugendwächter, also die "Zeit", auf dem Cover unter dem Zitat "Ich mach dich fertig!" ein großes Dossier über "Die alltägliche Gewalt junger Ausländer in Deutschland" startet, zeigt: Da gibt es offenbar doch ein echtes Problem und nicht nur die Erfindung einiger rechter Politiker. Mit Schaudern denkt man an den alten Spruch, dass sich deutsche Trends mit fünfjähriger Verspätung auch hierzulande durchzusetzen pflegen.

www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001