Viel Lärm um Wichtiges: Neues Buch über den Wiener Gürtel

Wien (OTS) - Mit knapp vierzehn Kilometer Länge zählt der Gürtel, in seiner jetzigen Form im ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden, zu den verkehrsreichsten und lärmträchtigsten Gegenden Wiens. Ebenso lange dürfte die Zahl der Pläne, der Unterlagen von Kommissionen, beauftragten Expertisen und Absichtserklärungen sein. Folgt man dem Text des Buches "Der Gürtel. Definition einer Veränderung", von Nicole Süssenbek und Tina Gerstenmayer, so lässt sich speziell über die dichte Verkehrssituation am Gürtel nichts wirklich Neues berichten, umso mehr macht aber das knapp 130 Seiten umfassende Buch auf die Wohn- und Arbeitsadresse "Gürtel" von unzähligen Wienerinnen und Wienern aufmerksam. Ausgestattet mit einem präzisen Verständnis für die relative Langsamkeit städtischer Veränderung durchmisst das Buch die früher einmal so genannte "Ringstrasse für den kleinen Mann" mit großer Aufmerksamkeit für die scheinbar kleinen Details eines großen Straßenzuges, der bis vor nicht allzu langer Zeit hauptsächlich Planungsobjekt für Verkehrsexperten und Straßenbau-Fachleute war.

Bittere "Herr Karl"-Erinnerungen

Gerstenmayer, die von 2002 bis Ende 2007 beim Gürtelbeirat mitgewirkt hat, bilanziert die steigende Verkehrsdichte und blendet das Anwachsen des Individualverkehrs nicht aus. Nichtsdestoweniger setzen die Autorinnen andere, ungewöhnlichere Orientierungsmarken, entlang derer vorschlagshalber über den Gürtel in Zukunft nachgedacht werden soll. Da wäre etwa die historische Dimension, die nicht nur an Otto Wagner, die Stadtbahn oder die Bevorzugung militärischer Überlegungen erinnert, sondern auch die Geschichte der jüdischen Familie Tschmul anhand der Erinnerungen des heute in Haifa lebenden Shlomo Shaked, ehemals Siegfried Tschmul, der am Währinger Gürtel aufgewachsen war, ernst nimmt. Genau dort, wo in den 90er Jahren das Mittelstreifen-Revival des Westgürtels mit seinen gut frequentierten Lokalen begann, setzt die Erinnerung Shakeds an, die in ihrer Bedrückung nur allzu oft an Helmut Qualtingers "Herrn Karl" denken lässt. Beraubung, Exil, zögerliche Wiederkehr als Tourist, der das elterliche Haus nur mehr von außen betrachten will. Ja, es geht auch um die NS-Zeit, auch um die Arisierungen im Gemeindebau, nichtsdestoweniger ist der Bogen weiter gespannt: In mehreren Interviews treten Geschäftstreibende und Mieter mit dem Meldezettel "Gürtel" auf, berichten über Zeiten, als das Kleingewerbe noch in den Seitengassen des Gürtels florierte und man gefahrlos die beiden mehrspurigen Streifen queren konnte. Nostalgie stellt sich dabei dennoch nicht ein: Das Porträt über das Cafe Weidinger gelingt ohne Schmalzspur, die mitunter schmallippigen Kommentare von Anrainern unterstreichen zwar verletzte Gefühle der dort Wohnenden, ohne jedoch in eine Sackgasse der Verbitterung zu führen. Verwunderlich: das Rotlichtmilieu mit seinen nächtlich angeleuchteten "Jaqueline" oder Eva" - Etablissements kommt kaum vor. Umso mehr und dies zurecht räumen die Autorinnen den Verbesserungen entsprechenden Raum ein. Denn auch das gibt es: Geglückte Interventionen, von der neuen Hauptbücherei und der Lugner-Passage bis zu lückenlosen Radwegen und Platzgestaltungen oder eingelöste Forderungen von engagierten Bürgern etwa nach Ampeln. Und dazu noch: Entlang des Gürtels wurde ein Bürgerbeteiligungsverfahren umgesetzt, dessen Breite und Feingliedrigkeit für eine neue Qualität dieses Instrumentes gesorgt hat.

Freilich, und das macht das Buch neben seiner Faktenfülle und nüchternen Schreibe, seinen diversen historischen Abbildungen und gegenwärtigen Foto-Dokumentationen so empfehlenswert: Die Differenz zwischen den Wünschen der dort Wohnenden und deren Einlösungen bleibt spürbar, ohne dass man recht weiß, woran es genau liegt. "Wir sehen den Ergebnissen und Realisierungen der Projektideen mit Spannung entgegen!", lautet der letzte Satz im Buch, der bei wiederholtem Lesen seine innen wohnende Skepsis nicht verbergen kann. Zugleich bedeutet es aber auch: Die Geschichte des Gürtels ist noch nicht zu Ende. Gut so.

Süssenbek/Gerstenmayer: Der Gürtel. Definitionen einer Veränderung, herausgegeben von: Verein Memo, 128 Seiten, Wien 2007 (ISBN 13 978-3-200-01093-2), Euro 18,90. Im Buchhandel oder direkt unter info@verein-memo.at bestellbar.

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