"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Sprengkraft für die Koalition" Von MICHAEL SPRENGER

Ausgabe vom 7. Feber 2008

Innsbruck (OTS) - Ob der frühere Leiter des Bundeskriminalamtes
aus Frustration über seine Abberufung die Korruptionsvorwürfe erhoben hat, gibt vielleicht Ausdruck über die psychologische Befindlichkeit Herwig Haidingers. Auch der Vorwurf mangelnder Pietät gegenüber Liese Prokop, der nun von der ÖVP mit dem moralischen Zeigefinger erhoben wird, mag dem einen oder anderen helfen, ein Charakterbild Haidingers zu entwerfen. Für den Sachverhalt ist dies jedoch irrelevant.

Die Vorwürfe, die Haidinger erhoben hat, könnten die Republik schwer erschüttern. Wenn es tatsächlich so war, dass Beweise vertuscht und Ermittlungsergebnisse von der Politik in eine bestimmte Richtung gelenkt worden sind, dann tickt eine Bombe. Das Fatale aus Sicht der ÖVP ist bei der momentanen Lage von Aussagen und Dementis zweierlei: Einerseits kommen die Vorwürfe von einem Spitzenbeamten aus ihrem eigenen Stall, andererseits muss man nicht mit einer besonderen Phantasie ausgestattet sein, um zu sagen, dass die Haidinger-Aussagen glaubwürdig klingen. Verwunderlich wäre wohl gewesen, wenn die damalige ÖVP-Spitze nach Platzen des Bawag-Skandals erklärt hätte, uns interessiert es überhaupt nicht, die Roten anzuschwärzen und im Bawag-Sumpf untergehen zu lassen.

Die ÖVP muss nun gegen den Verlust der Glaubwürdigkeit ankämpfen und schreit hilfesuchend nach Aufklärung. Zugleich liefert sie dem angeschlagenen Koalitionspartner SPÖ nicht nur eine unerwartete Erholungsphase. Diese gibt sich (noch) großzügig zurückhaltend und beobachtet das Balancieren der ÖVP auf dünnem Eis. Bricht die ÖVP ein, ist auch die große Koalition zu Ende.

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