"Die Presse" Leitartikel: Aufbruch in Amerika: Obama sei Dank von Eva Male

Ausgabe vom 07.02.2008

Wien (OTS) - Selten noch war ein Wahlkampf so begeisternd. Die
Welt ist Zeuge, wie sich die USA politisch regenerieren.

The show must go on. Dieses Motto gilt für den spannenden Wahl-Zweikampf zwischen Hillary Clinton und Barack Obama. Denn anders als ursprünglich erwartet, ist das Rennen um die Nominierung im amerikanischen Wahlkampf - zumindest bei den Demokraten - nach dem "Super-Tuesday" noch keineswegs gelaufen. Dem dynamischen, erfrischenden Senator aus Illinois und seinen überraschenden Erfolgen ist es zu verdanken, dass die frühere First Lady nicht ganz so einfach zur Nominierung "durchmarschieren" kann, wie sie das in ihrer anfänglichen Siegessicherheit, durch Umfragewerte bestätigt, wohl erwartet hatte.
Es ist ein spannender Wettstreit zweier gegensätzlicher Persönlichkeiten, in dessen bevorstehender "Verlängerung" immer mehr Gelegenheit sein wird, auch über Themen und Visionen zu diskutieren statt bloß über Fragen des Typs und des Stils. Die intensive Konfrontation gibt der amerikanischen Bevölkerung genügend Zeit, sich ein genaues Bild einer möglichen Präsidentschaft des ersten Schwarzen, der ersten Frau in der Geschichte des Landes zu machen. Umso besser!
Dadurch kommt nun fairerweise auch Bundesstaaten, die erst später Vorwahlen abhalten, wie etwa Washington und Umgebung, entgegen ihren Befürchtungen noch Bedeutung zu. Dass so viele ihre Entscheidungen auf den 5. Februar vorgezogen hatten, dürfte kontraproduktiv gewesen sein - durch die Massierung von Vorwahlen am Super-Tuesday war es den Wählern kaum möglich, die Bewerber kennen zu lernen.
Und genau das ist ja Sinn und Zweck der monatelangen Vorwahl-Übung:
die Kandidaten quer durchs Land, auch in kleineren Settings, hautnah zu erleben, um ihnen auf den Zahn zu fühlen. So komplex und scheinbar unorthodox das System aus Caucuses und Primaries, ob offen oder geschlossen, auch erscheinen mag, so gründlich und effizient ist es doch auch. Aufschlussreich für die Wähler, eine Bewährungsprobe für die Kandidaten. In unseren Breitengraden hätte wohl so mancher Bewerber in einem Rennen dieser Art kaum Chancen, ans Ziel zu gelangen.
Vor allem im Ausland wird das Vorwahl-System gern kritisiert. Dass sich der Wahlkampf gar so lange ziehe! Aber seien wir ehrlich: In Wirklichkeit sind wir doch alle gebannt! Gerade diesmal, wo in den USA weder ein amtierender Präsident noch ein Vize antritt; wo erstmals ein Schwarzer und eine Frau im Rennen sind; wo nach all den Bush-Jahren der transatlantischen Entfremdung eine Wende in Reichweite scheint.
Die wünschen sich nicht nur im Ausland viele. Es ist kein Zufall, dass Barack Obama bei jedem Auftritt das Wort "change" Dutzende Male in den Mund nimmt, wobei ihn nicht nur Hillary Clinton inzwischen kopiert. Auch bei den Republikanern, die man keineswegs ganz abschreiben kann, geht es ja darum, einen Neuanfang nach der Ära Bush zu signalisieren.
"Change" tönt es also quer durch die USA. Die Vorwahlen waren größtenteils von hoher Beteiligung geprägt, das politische Interesse ist groß. Stundenlang harren die Menschen bei widrigem Wetter aus, um die Bewerber live zu erleben, scheuen auch lange Autofahrten zu Wahlkampfveranstaltungen nicht. Die Aufbruchsstimmung ist weithin spürbar. Man muss die Amerikaner - wenn ausnahmsweise eine Verallgemeinerung erlaubt ist - dafür bewundern, wie sehr sie sich begeistern können.

Diese Aufbruchsstimmung wird offensichtlich am besten von Barack Obama verkörpert. Er sprüht vor Energie, ist relativ neu im politischen Betrieb und damit genau das Gegenteil von Hillary Clinton, die das Establishment verkörpert und Ängste vor der "ewigen" Fortsetzung des Dynastie-Wesens in Washington weckt. Bush senior, Clinton male, Bush junior, Clinton female? Und dann vielleicht noch andere Anverwandte? Das wäre für viele ein Horrorszenario. Zugleich hat die bisherige Erfahrung bei den Vorwahlen gezeigt, dass begeisterte Menschenmassen bei Obamas Auftritten nicht automatisch ein "hochprozentiges" Wahlergebnis für ihn bedeuteten. Prinzipiell scheint er bei den Wählern landesweit gut anzukommen, aber bis zur Nominierung und zu einem Sieg über den republikanischen Gegner ist es noch weit. Obamas brillante Rhetorik braucht noch mehr Substanz. Wie der einstige Gouverneur von New York, Mario Cuomo, so schön sagte:
"Man macht Wahlkampf in Versen, aber man regiert in Prosa." Letztere wird von Bewerbern wie Hillary Clinton oder John McCain besser beherrscht. Aber das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001