Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Wahlkampf for ever

Wien (OTS) - Blickt der Tagebuch-Autor nach Amerika, dann muss er etwas Seltenes tun: die Koalition in Wien loben. Denn ihr Beschluss, die Legislaturperiode auf fünf Jahre auszudehnen, nimmt sich angesichts des amerikanischen Dauerwahlkampfs recht weise aus. In den USA wird im Jänner 2009 ein neuer Präsident angelobt - aber schon seit Herbst 2007 steht das Land ganz im Banne seiner Wahl.

Auch der jüngste "Super Tuesday" hat noch lange nicht, wie von vielen erhofft, die zermürbende Kandidatensuche für eine kurze Atempause beendet - zumindest nicht bei den Demokraten. Wenn man überdies bedenkt, dass nicht mehr wiederwählbare Präsidenten schon lange vor ihrem Abgang als "lahme Enten" abgestempelt werden, und dass die vierjährigen Perioden in den USA auch noch von aufwendigen Halbzeitwahlen für Teile des Kongresses unterbrochen werden, bleibt nicht mehr sehr viel an effizienter Arbeitszeit.

Freilich muss man das Lob für die österreichische Koalition sofort wieder schmälern: Diese hat ihr schönstes Jahr weitgehend vertan und sich meist nur mit Minithemen statt mit den notwendigen Strukturreformen beschäftigt. Dabei war 2007 ein Jahr ohne Regionalwahlen und ein Jahr voll warmer Spätkonjunktur. Doch man hat die großen Aufgaben liegen gelassen - als ob Hochkonjunktur und "Wahl-Freiheit" historisch Dauerzustände wären. Selbst das abgedroschene "Lernen Sie Geschichte" ist da ein viel zu milder Kommentar.

Aber auch Amerika gibt genug Grund zum Kopfschütteln: Denn die Debatten der Demokraten, ob nun die Frauen oder die Afroamerikaner mehr benachteiligt wären, treffen nicht jene Sorge, die mit großer Wahrscheinlichkeit im Herbst dominieren wird: nämlich die ob einer Rezession. Dann werden der bubenhafte Schauspielercharme Barack Obamas wie auch die Tränen Hillary Clintons ihre Wirkung verloren haben. Aber auch John McCain auf der Gegenseite ist alles andere als ein Wirtschaftsexperte; und sein Thema, die äußere Sicherheit, hat zuletzt - wegen der überraschenden Teilerfolge im Irak - an Stellenwert verloren. McCain hat zwar die eindrucksvollste Biographie unter allen Kandidaten und er ist eine führungsstarke Persönlichkeit. Aber er ist ein ziemlich alter Mann. Was die Begeisterung auch für ihn in Grenzen halten wird.

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