"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die EU muss im Tschad jetzt kühlen Kopf bewahren" (Von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 06.02.2008

Graz (OTS) - Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut gemacht.
Das ist die bittere Lektion, die den Europäern derzeit im Tschad erteilt wird.

Schutzmacht für hunderttausende Flüchtlinge aus Darfur wollten sie sein und nicht länger zusehen, wie marodierende Söldner wehrlose Zivilisten niedermetzeln. Zu tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben sich die Bilder aus Ruanda, wo radikalisierte Hutu 1994 vor Augen der Welt eine Million Tutsis abschlachteten.

So gerechtfertigt der Einsatz also ist, so dilettantisch fällt die Umsetzung aus: Unnötige Verzögerungen, interne Querelen, schlechte Kommunikation und kapitale Fehleinschätzungen haben dazu geführt, dass die Mission kläglich scheitern könnte, ehe sie so richtig begonnen hat. Die EU droht in Afrika ihr Gesicht zu verlieren.

Als größter Fehler könnte sich jetzt erweisen, dass es dem Einsatz von Beginn an Eindeutigkeit fehlte. Zwar ist er europäisch und von der Uno gebilligt, doch ohne Druck der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich hätte es ihn nie gegeben.

Paris aber betrachtet den Tschad als seinen Hinterhof in Afrika. Die Politik, die es dort verfolgt ist undurchsichtig; humanitäre Aspekte spielen oft nur eine untergeordnete Rolle.

Zweifel an den lauteren Motiven der Franzosen waren auch der Grund dafür, warum Briten und Deutsche die Entsendung von Soldaten verweigert haben.

Die sich überstürzenden Ereignisse scheinen den Skeptikern Recht zu geben. Nun droht Präsident Nicolas Sarkozy sogar, auf Seiten der Regierungsarmee von Diktator Déby in den Bürgerkrieg einzugreifen.

Für die EU-Mission wäre das verhängnisvoll. Niemand in Af-rika würde mehr an die Neutralität der Europäer glauben. Die Gefahr, in den Konflikt hineingezogen zu werden, wäre immens, da das Gros der Eufor-Truppe aus Franzosen besteht.

Trotzdem ist die EU zum Bleiben verurteilt. In Panik die Soldaten abzuziehen wäre fatal. Es hieße, dass Europa seinen eigenen Großmachtträumen zum Trotz nicht in der Lage ist, sich notfalls mit militärischer Stärke Respekt zu verschaffen.

Vor allem aber wäre es eine Katastrophe für die drangsalierten Menschen im Tschad, deren Unterdrücker einen Abzug wohl als Freibrief für noch grausamere Verbrechen deuten würden.

Für Europa steht viel auf dem Spiel. Es muss für seine oft beschworenen Werte einstehen und im Tschad ausharren, bis die Lage geklärt ist. Dann sollte die EU ihre Mission rasch und besser durchdacht fortsetzen. Schließlich geht es um Europas Glaubwürdigkeit. Und das ist der größte Kredit, den eine "Weltmacht" verspielen kann.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001