WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Italiens Drama, das nicht vergehen will - von Esther Mitterstieler

Ohne die KMU wäre das Land am Rande des Ruins

Wien (OTS) - Italien steht also wieder vor der Bildung einer neuen Regierung. Es wird die 62. Nachkriegsregierung sein, die versuchen wird, das Schiff endlich in ruhigere Gewässer zu lenken. Die Hoffnung stirbt zuletzt, lautet ein altes Sprichwort. Das stimmt. Wenn man sich die Zahlen des zweitwichtigsten Handelspartners Österreichs ansieht, kann man angesichts der desaströsen politischen Situation nur den Kopf schütteln. Dass Italien immer noch unter den sieben führenden Industrieländern der Welt ist, zeigt die andere, positive Seite der Medaille dieses erstaunlichen Landes.

Da heisst es nicht: Wer, wenn nicht er? Weil weder Romano Prodi noch Silvio Berlusconi dieses Land führen konnten. Da heisst es also: Wer, wenn nicht sie? Gemeint sind die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen des italienischen Nordens, allen voran der Lombardei, immer noch eine der am stärksten wachsenden Regionen der EU. Also:
Ohne die Unternehmen wäre das Land am Rande des Ruins. Sie werden schmunzeln und sagen: Ist es ohnehin schon. Das stimmt nicht. Prodi hat mit seiner 20-Monats-Regierung gezeigt, dass er wirtschaftspolitisch gute Ansätze hat. So gab es in seiner Amtszeit keinen einzigen Steuererlass. Unter der Vorgängerregierung Berlusconi waren es fünf. Zudem hat Prodi das staatliche Defizit auf knapp unter drei Prozent gedrückt. Die Staatsschuldenquote lag 2007 bei 104,4 Prozent - so hoch wie sonst nirgends in der EU, aber doch 2,5 Prozentpunkte unter jener der letzten Regierung Berlusconi.

Was das Land braucht, ist eine Reform des Wahlrechts, das mit seinen seltsamen Mehrheitssystemen auf regionaler Ebene zu gegensätzlichen Mehrheiten in Kammer und Senat führen kann und leider zu oft führt. Nur dann kann es eine stabile Regierung geben, die Investoren nicht unnötig verschreckt. Es kann nicht sein, dass Italiens Politik immer noch mehr auf Improvisation setzt, wo geordnete Bahnen nötig wären.

Das Beispiel Davide Trevisani, Chef des Tiefbauunternehmens Trevi, zeigt, wie flexibel die Unternehmen auf die verkrusteten Strukturen reagieren. Er wird im Herbst das Fundament des Ground Zero des neuen World Trade Centers in New York liefern. Oder Michael Seeber, Chef des Seilbahnbauers Leitner: Er investiert lieber 15 Millionen - in Telfs als in Italien, um das weltweite Zentrum des Kundendienstes und der Ersatzteillager seiner Firma zu bauen. Trevisani dagegen meint:
"Italiener wissen sich zu helfen, sie finden Lösungen." Auch ohne neues Wahlgesetz? Auf Dauer wohl schwerlich. Aber die Hoffnung stirbt wie gesagt zuletzt.

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