"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Große Sehnsucht nach kleiner Inspiration"

Mehr Poesie braucht die Politik, weniger Abwerten, Abkanzeln, Auspfeifen

Wien (OTS) - Ist in Österreich ein konservativ-gesinnter Jus-Student vorstellbar, der für die SPÖ Freiwilligenarbeit leistet, weil Alfred Gusenbauers Ideen ihn derart inspirieren, dass er all seine Hoffnung auf eine faszinierende Zukunft an den SP-Chef knüpft? Oder umgekehrt: Ein Jungsozialist, den Wilhelm Molterers mitreißende Reden derart begeistern, dass er ihm für die Zukunft ganz Großes zutraut? Wohl kaum. Nicht einmal im Fasching.
In den USA geschieht zur Zeit genau dies und zwar unabhängig vom Ausgang der Vorwahlen am Super-Dienstag. Junge Republikaner, die stundenlange Autofahrten auf sich nehmen, nur um in irgendeinem Dorf bei der Kampagne des afro-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, Barack Obama, auszuhelfen. Plötzlich geht es in den USA um Poesie in den Wahlreden, um Inspiration, Begeisterung, Hoffnung und Auftrieb, nicht mehr um ausgefeilte Vorschläge, um Erfahrung oder politisches Handwerk.
Wäre es nicht auch in Österreich wieder Zeit für einen Stimmungswechsel? Für einen Politiker mit einer positiven Erzählung für die Menschen? Das letzte Mal hatte das Land Derartiges in den frühen siebziger Jahren verspürt, als die Sehnsucht nach frischem Wind nach den verkrampften, wenn auch politisch-handwerklich intakten Jahren der VP-Alleinregierung groß war und Bruno Kreisky sie zu nutzen verstand. Er gab vielen Menschen Auftrieb und stärkte ihr Selbstwertgefühl.
Wer seither die Menschen mitzureißen verstand - für wie lange auch immer - , tat dies immer mit Negativem. Wer sich von Jörg Haider inspiriert fühlte, war immer gegen etwas und/oder jemanden:
Gegen die Ausländer, gegen "die da oben", gegen Wien, gegen die Slowenen, gegen die Pfründewirtschaft etc. Haider nützte sein vorhandenes politisches Talent nie für Positives. Er benötigte immer Feindbilder. Zu seinem und des Landes Schaden.
Selbst die kurze Begeisterung für Heide Schmidt vor 15 Jahren wurde aus ihrer Gegnerschaft zu Jörg Haider gespeist. Als es dann 1999 um die Überwindung des Anti-Haider und um positive Politikansätze des Liberalen Forums ging, versagten ihr die Wähler die Gefolgschaft.
Aber gerade in Österreich, in dem sich kleingeistiges Abwerten, Abkanzeln, Auspfeifen großer Beliebtheit erfreut, wäre es doch wieder höchst an der Zeit, den Menschen ein gutes Gefühl von sich zu geben . Gerade im Land der "Frustwuchteln" und "Vollkoffer" wäre etwas Poesie in der Sprache und ein Politiker, der den Menschen den Glauben an ihre eigenen Fähigkeiten stärkt, notwendig. Dazu muss er aber auch an seine Vorstellung von diesem Land glauben und nicht nur an die Macht des Amtes, die Kraft von 100-Euro-Scheinen oder den Erfolg des Verhinderns.
Obama in den USA scheint den Nerv vieler Junger zu treffen.
Es muss doch auch jemand in Österreich den Jungen den Weg aus der derzeitigen aggressiven Kleinlichkeit zeigen können. Sie haben auch Sehnsüchte - jenseits der Inflationsrate.

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