Kammer kritisiert Schickers Direktvergabe an Calatrava

Neuerliche Umgehung des Bundesvergabegesetzes durch Direktvergaben durch den Wiener Planungsstadtrat

Wien (OTS) - Stellungnahme zu dem am Wochenende in der
Tageszeitung "der Standard" erschienenen Interview mit Planungsstadtrat Schicker:

Es ging im Artikel um geplante Direktaufträge der Stadt an den spanischen Architekten Santiago Calatrava, der sowohl mit einer Überbrückung der Triesterstrasse auf der südlichen Einfahrtsschneise nach Wien ein "Zeichen setzen" soll als auch um einen Auftrag für den Bahnhof in Aspern. Laut Schicker kann ein "Architekturimpuls aus dem Ausland eine Stadt wie Wien nur aufwerten".

Auf die Feststellung des Journalisten, dass öffentliche Projekte, ab einem Schwellenwert von netto 206.000 Euro, laut Bundesvergabe-Gesetz EU-weit offen ausgeschrieben werden müssen antwortet Schicker: "Mit diesen Rahmenbedingungen versuchen wir umzugehen, er werde versuchen, bei der Brücke den künstlerischen Bestandteil der Arbeit des Ingenieurs Calatrava hervorzukehren. Wie es uns beim Bahnhof in Aspern gelingen wird, den Leuten zu erklären, dass es sich dabei nicht um ein öffentliches Gebäude, sondern um ein künstlerisches Projekt handelt, wissen wir vorerst noch nicht."

Schicker weiter: "Wir wollen das Bundesvergabegesetz nicht nach allen Möglichkeiten umschiffen, sondern nur in diesem einen, ganz konkreten Fall. Und in diesem konkreten Fall geht es um eine künstlerische Gestaltungsmöglichkeit für eine Brücke. Diese Kombination aus Ingenieurskunst und Architektur ist nichts Alltägliches. Ich gehe davon aus, dass die österreichische Konkurrenz dafür Verständnis haben wird."

Diesen Statements des Planungsstadtrates ist nun aus mehreren Gründen entgegen zu treten:

1. Wegen der Umgehung des Bundesvergabegesetzes:

Dies könnte einem Aufruf zum Gesetzesbruch gleichkommen und außerdem Vorbildwirkung haben. Das ist für die Architektenschaft inakzeptabel.

2. Wegen der Aussage, dass Architekturimpulse aus dem Ausland eine Stadt wie Wien nur aufwerten können:

Gerade Österreich reüssiert mit seinen hervorragenden Architekten international wegen der künstlerischen Qualität seiner Bauten. Es erübrigt sich, einzelne Namen zu nennen. Kann denn österreichische Architektur keine Impulse setzen? Dass ausgerechnet Rudolf Schicker meint, Wien hätte Architekturimpulse aus dem Ausland dringend nötig, ist für einen Planungsstadtrat bedenklich. Architektur wird auch deshalb im Wettbewerb vergeben, weil dort über die Qualität entschieden wird, unbeachtet davon, ob der Architekt vom In- oder vom Ausland kommt. Die Gleichbehandlung von in- und ausländischen Architekten sollte längst selbstverständlich sein.

3. Wegen der Trennung von Architektur und Ingenieurleistung:

Die Trennung von Architektur und Ingenieurleistung gibt es nicht. Herausragende Bauwerke entstehen immer aus einem Zusammenspiel von technischem Know How und gestalterischer Ausdruckskraft.

4. Wegen der Aussage, dass die Bauaufträge "künstlerische Projekte" seien:

Noch heikler ist die Aussage mit der Schicker ein Bauwerk Calatravas als "Kunst" tituliert. Die unangemessene Differenzierung von "Architektur" und "künstlerischer Architektur" ist nicht zulässig und vor allem eine falsche Aussage. Architektur ist immer auch Baukunst und kann nicht zu einem "künstlerisches Projekt" reduziert werden. Sowohl Architektur als auch künstlerische Projekte können gut oder schlecht sein.

Daher dürfen auch größere Aufträge für "künstlerische Projekte im öffentlichen Raum" nicht direkt vergeben werden, sondern müssen zuerst in einem ordentlichen Verfahren durch einen Fachbeirat beurteilt werden, der über die Qualität der "künstlerischen Projekte" entscheidet.

Die Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für W, NÖ u. B fordert ein gesetzeskonformes Vorgehen von Planungsstadtrat Schicker im Sinne und Interesse aller Architekten. Die Kammer bietet dabei weiterhin Hilfestellung in schon bewährter Art.

DI Andreas Gobiet
Präsident

DI Thomas Kratschmer
Vorsitzender der Sektion Architekten

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Mag. phil., MBA
Öffentlichkeitsarbeit
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