Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Nur einen Hunderter?

Wien (OTS) - Sind wir Österreicher denn gar nichts wert? Während Spaniens Sozialisten jedem Steuerzahler 400 Euro versprechen (freilich nur, wenn sie zuvor wiedergewählt werden . . .), während die Amerikaner trotz eines Megadefizits fast 150 Milliarden Dollar unters Volk werfen, will uns die SPÖ mit mickrigen 100 Euro abspeisen. Eine Zumutung. Ordentliche Oppositionsparteien werden dem Betrag hoffentlich bald die fehlende Null hinzu- und die kleinliche Auflage hinweg-reklamieren, dass dieser Betrag bloß einmal ausgeschüttet werden soll.

Nun gut, es ist Fasching und Wahlkampf. Ganz Österreich weiß auch, dass die plötzlichen Inflations-Sorgen der Sozialdemokraten halt eher Wahlkampf-Sorgen in Zeiten schlechter Umfragen sind. Meinte die SPÖ es nämlich ernst, hätten sie etwa auf die Erhöhung der ORF-Gebühren verzichtet.

Für solche Gebührenerhöhungen gibt es nämlich schlechte und ganz schlechte Zeitpunkte. Die SPÖ aber fand einen ganz, ganz schlechten. Hat doch erst zwei Tage davor die EU dem ORF vorgeworfen, auf zu hohen Geldreserven zu sitzen. Man sollte endlich begreifen, dass Brüssel auf so brutale Provokationen sehr ungut zu reagieren pflegt. Von der persönlichen Haftung der ORF-Gewaltigen gar nicht zu reden (trotz aller bestellten Gutachten).
Dennoch ist die SPÖ für ihren Appell zur Inflationsbekämpfung hoch zu loben. Denn damit wird allen Versuchungen eine Absage erteilt, beim kleinsten Konjunktur-Problem panisch durchzustarten - und damit vor allem das Geld zu entwerten. Die Erfahrung zeigt: Inflation ist direkte Folge von Disziplinlosigkeit (der Staaten oder der Sozialpartner) oder von Verknappung wichtiger Güter (etwa von Erdöl als Folge des asiatischen Booms). Wird da nicht - wenn auch schmerzhaft - gebremst, entsteht Hyperinflation. Und die vernichtet alle Ersparnisse und löst große Wirtschaftskrisen aus, wie es sie etwa in der Zwischenkriegszeit gab.

Einzige wirksame Gegenstrategien sind mehr Disziplin bei Budget und Lohnrunden sowie mehr Wettbewerb. Vor allem diesbezüglich könnte die SPÖ auch taktisch punkten: Statt (trotz Defizits) unsinnig Hunderter zu verteilen, sollte sie gegen die völlig unnötige Gewerbeordnung kämpfen. Das wirkt und brächte die (weiterhin auf die WKO Rücksicht nehmende) ÖVP in eine echte Bredouille!

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