WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Serbien: Ein wichtiger erster Schritt - von Herbert Geyer

Aber die Mühen der Ebene kommen erst

Wien (OTS) - Der Jubel ist im wahren Wortsinn grenzenlos: Von
Berlin bis Bern, von Prag bis Budapest, von Wien bis Brüssel haben alle wesentlichen Politiker des Kontinents Boris Tadic zu seiner Wiederwahl gratuliert und aus dem Wahlsieg des EU-Befürworters den Schluss gezogen, dass Serbien den Weg nach Europa gewählt hat.

Die Freude ist verständlich, wenn auch für Euphorie wirklich noch kein Grund besteht. Ja: Es ist beruhigend, dass selbst in einer so nationalistisch aufgeheizten Stimmung, wie sie in Serbien vor der absehbaren Unabhängigkeitserklärung des Kosovo herrscht, ein gemässigter Kandidat mit der Perspektive des EU-Beitritts eine Wahl gewinnen kann. Aber: Es gibt zwar, wie Tadic gezeigt hat, in der Bevölkerung eine hauchdünne Mehrheit für eine Annäherung an die EU, selbst wenn diese die Unabhängigkeit des Kosovo unterstützt. Im Parlament und in der Regierung gibt es eine solche Mehrheit aber nicht. Dort aber wird über die in Richtung EU nötigen praktischen Schritte entschieden.

Das wird sich bereits am kommenden Donnerstag zeigen, an dem nach Willen der EU-Gremien ein Interimsabkommen mit Serbien unterzeichnet werden soll. Noch ist völlig offen, wie sich die serbische Regierung unter Vojislav Kostunica verhalten wird.

Und selbst wenn die Regierung - beeindruckt durch den Wahlsieg ihres Koalitionspartners Tadic - dessen Linie zunächst folgt, so kommen auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft auf Serbien noch die Mühen der Ebene zu: Ohne Auslieferung der mutmasslichen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic und Ratko Mladic wird es keinen EU-Beitritt geben -abgesehen von den vielen kleinen Stolpersteinen, die den Weg jedes Beitrittskandidaten säumen. Die pro-europäischen Kräfte in Serbien werden sich noch auf so manche harte Prüfung einstellen müssen, zumal die Nationalisten jeden Rückschlag auf dem Weg für ihre Zwecke ausnützen werden - wir kennen das ja sogar aus dem eigenen Land. Auch von der EU wird die Annäherung Serbiens einen langen Atem verlangen - und ein hohes Mass an Sensibilität, wenn es darum geht, in der Sache fest zu bleiben, im Ton aber so verbindlich, dass die geschundene serbische Seele sich nicht weiter wundreibt.

Die Sache ist es wert. Denn ohne Integration Serbiens in die europäische Ordnung wird es am Balkan längerfristig keinen Frieden geben - nicht für Europa, und nicht für Serbien.

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