Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Funktioniert leider nicht

Wien (OTS) - Die Wiener Gesundheitsstadträtin meldet einen großen Erfolg der Wiener Gemeindespitäler: Operationswartezeiten betragen "nur noch" vier bis sechs Monate. Auf was man heutzutage schon alles stolz sein kann! Ein halbes Jahr mit Schmerzen vergeht ja bekanntlich wie im Flug.

Die Stadträtin hat sich damit erneut als Meisterin der selektiven Information erwiesen. Denn als die Wartezeiten offensichtlich noch viel länger waren, gab es keine Pressekonferenz zu dem Thema. Missstände im Wiener Gesundheitswesen darf es nur in der Vergangenheit geben; in der Gegenwart sind sie hingegen immer nur Erfindung böswilliger und zu bekämpfender Journalisten.

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"Der Sozialismus funktioniert leider nicht, Punkt, aus." Hans Magnus Enzensberger, einstige Groß-Ikone der Linken, hat es in einem Gespräch mit der "Weltwoche" in seiner großen Sprachbegabung auf den knappest möglichen Ausdruck gebracht. Er hat dazu freilich, wie er zugeben musste, erst Reisen durch alle einschlägig aktiven Länder -bis auf Nordkorea - machen müssen.

Es würde freilich teuer, schickte man regelmäßig all die unbedarften Studenten, all die Wähler von "Links"-Parteien, all die vielen der 68er Bewegung entstammenden (doch sich nie zu Enzensberger mutigem Bekenntnis aufraffenden) Journalisten auf Weltreisen, bis auch sie und die Angehörigen immer neuer Generationen es begreifen:
Das, was im Hörsaal und in langatmigen Aufsätzen gut klingt, hat mit der wirklichen Welt und den wirklichen Menschen absolut nichts gemein.

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Der Tagebuch-Chronist hat schlecht gerechnet: Die ÖVP war in der Nachkriegszeit nämlich 16 und nicht 13 Jahre in Opposition. Irgendwie hat er da die drei Sinowatz-Steger-Jahre verdrängt. Zerknirschung ist angesagt. An der Grundaussage der gestrigen Tagebuch-Notiz ändert das aber nichts: nämlich dass es ohne Mehrheitswahlrecht sehr schwer ist, eine der beiden Großparteien in die demokratiepolitisch regelmäßig notwendige Opposition zu schicken. Und dass - um noch ein wichtiges Argument hinzuzufügen - ein Mehrheitswahlrecht am ehesten das Wachstum einer radikalen Parteien der Rechten oder Linken verhindert.

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